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«Mittelland-Zeitung» vom 29. November 2008
Al Gore und der
Weltklimarat liegen falsch, sagt Buchautor Marcel Hänggi. Das
Klima lasse sich nicht schützen, ohne dass wir uns einschneidend
veränderten.
«Wir machen uns alle etwas vor»
Interview: Felix Straumann
Herr
Hänggi, in Ihrem Buch schreiben Sie, dass das Klima nicht gerettet
werden kann, wenn die Wirtschaft gleichzeitig wächst. Freuen Sie
sich über die derzeitige Wirtschaftskrise?
Marcel Hänggi :
Kurzfristig verringert ein Rückgang der Wirtschaftsleistung auch
die Emissionen, da beides eng aneinandergekoppelt ist. So gesehen ist
eine Rezession gut. Konsequent weitergedacht wäre ein Totalcrash
der Wirtschaft noch besser. Doch das kann natürlich nicht das Ziel
einer Klimapolitik sein. Die Tatsache, dass eine Rezession
sämtliche Bestrebungen, etwas für das Klima zu machen,
überholt, zeigt, wie wenig bisher getan wurde.
Kaum
verlangsamt sich wie jetzt das Wirtschaftswachstum, machen sich alle
Sorgen um Ihren Arbeitplatz. Kann denn Ihr Rezept «Verzicht statt
Wachstum» überhaupt funktionieren?
Hänggi: Die aktuelle
Situation ist ein Ausdruck, wie extrem abhängig wir vom
Wirtschaftswachstum sind. Man müsste eine neue Form von Wirtschaft
finden. Das ist eine Aufgabe der Ökonomen, die das bis jetzt
meiner Meinung nach verschlafen haben.
Sie
kritisieren ziemlich alles, was gängigen Klimaschützern lieb
ist: von Al Gore über Weltklimarat bis Kyoto-Protokoll. Was sind
Ihre Vorwürfe?
Hänggi: Meine Kritik
bedeutet nicht, dass ich die Personen und Institutionen ablehne. Doch
muss einiges hinterfragt werden. Beispielsweise beim Weltklimarat
(IPCC), der behauptet, dass wir die Klimaerwärmung auf 2 bis 2,5
Grad begrenzen können, wenn wir Massnahmen ergreifen, die das
Wirtschaftswachstum weltweit gerade mal um 0,12 Prozent pro Jahr
verlangsamen. Das ist ein Betrag, der unter der Wahrnehmungsschwelle
liegt. Gleichzeitig zeigt das IPCC ganz klar auf, wie dramatisch die
Situation ist, und spricht von Szenarien, die man als katastrophal
bezeichnen muss. Das sind zwei Botschaften, die für mich nicht
zusammenpassen.
Was passt Ihnen an Al Gore nicht?
Hänggi: Bei Al Gore
ist es ähnlich wie beim Weltklimarat. Er reist mit einem Vortrag
um die Welt, der sehr eindrücklich zeigt, was der Klimawandel und
seine Auswirkungen bedeuten. Auf der anderen Seite verharmlost er
massiv, wenn es um die Massnahmen geht. Gores Botschaft heisst: Wir
können das Ganze in den Griff bekommen, ohne dass wir uns gross
verändern müssen. Das halte ich für unmöglich.
Gores
Ansicht teilen zurzeit praktisch alle in der Politik und selbst bei den
Umweltorganisationen: Wir können das Klima retten und gleichzeitig
aus der Kernenergie aussteigen, Auto fahren und wie bisher konsumieren.
Liegen alle falsch?
Hänggi: Ja. Die
Werbung will uns sogar vormachen, wir könnten noch mehr
konsumieren und trotzdem klimafreundlich sein. Das kann nicht
funktionieren.
Sie kritisieren auch das Kyoto-Protokoll und den Zertifikate-Handel, der heute breite Unterstützung geniesst.
Hänggi: Der
Emissionshandel gilt heute als Standard und wird kaum noch infrage
gestellt. Dies, obwohl ursprünglich die EU und die
Entwicklungsländer dagegen waren, sich dann aber dem Druck der USA
gebeugt haben. Das Kyoto-Protokoll selber finde ich im Grundsatz gut,
denn es legt klare Emissionslimiten fest. Das bedeutet, dass nur eine
beschränkte Menge fossiler Energieträger verbrannt werden
darf. Das Kyoto-Protokoll ist also im Prinzip ein
Rationierungsabkommen. Nur sind die Vorgaben zu schwach. Ausserdem ist
Kyoto voll von Schlupflöchern, dazu gehören insbesondere
Teile des Emissionshandels.
Der
Emissionshandel ermöglicht es, mit Klimaschutz Geld zu verdienen -
auch wenn man kein Öko ist. Was soll daran schlecht sein?
Hänggi: Die Idee des
Emissionshandels ist, zuerst dort zu handeln, wo man mit einem Franken
am meisten Wirkung erzielt. Aber ein solches Vorgehen verhindert unter
Umständen, dass die Probleme grundsätzlich angepackt werden.
Zum Beispiel Mobilität: Politisch versucht man die Emissionen der
Autos um ein paar Gramm CO 2 zu reduzieren. Das halte ich für
absurd. Wir müssten unsere Mobilität grundsätzlich
überdenken und damit aufhören, die Verkehrskapazitäten
auf Strasse und Schiene auszubauen.
Was wäre denn besser als ein Emissionshandel?
Hänggi: Statt die
Nachfrage mit Anreizen zu reduzieren, sollte das Angebot von fossilen
Brennstoffen kontingentiert werden, um den Ausstoss von CO 2
wirkungsvoll zu senken. Ausserdem müssen wir die Abholzung der
Urwälder stoppen und weniger Fleisch produzieren.
Ihr
Buch heisst «Wir Schwätzer im Treibhaus». Bedeutet das
«wir», dass Sie auch ein Schwätzer sind?
Hänggi: (lacht) Ich
hoffe nicht. Die Idee hinter dem Titel ist, dass ich den Eindruck habe,
dass wir uns alle etwas vormachen. Ich hoffe, dass dank dem Buch
einiges von dem Geschwätz als solches erkannt wird.
Marcel
Hänggi ist Journalist, Historiker und war Redaktor bei
«Weltwoche» und «Wochenzeitung». Wir
Schwätzer im Treibhaus» ist im Rotpunktverlag erschienen.
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