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«Tages-Anzeiger» vom 12. November 2008
Der Journalist Marcel Hänggi vertritt radikale Thesen über das Versagen Klimapolitik.
Wieso eine Klimapolitik nur Erfolg hat, wenn sie wehtut
«Auf, in die Gärten, Parks
und Wälder!» Der ehemalige
«Wochenzeitung»-Journalist Marcel Hänggi ruft die
«Kultur der Faulheit» aus, die kein Auto will, die auf
regelmässige Reisen in die Ferne verzichtet, dafür die
Erholung in weniger Aktivismus sucht. Eine Lesestunde im nahen Park,
ein Picknick im Wald an der Stadtgrenze. Hänggi traf Inge Røpke
von der Technischen Universität Dänemark am Kongress der
European Society for Ecological Economics. Ihr Bild von der Faulheit
hat ihn inspiriert.
Dabei ist kein Werk eines grünen
Idealisten mit erhobenem Zeigefinger entstanden. Der Autor
präsentiert eine sorgfältige Analyse der bisherigen
internationalen Klimapolitik.
Pragmatiker dürften sich zwar bei
der Lektüre immer wieder wundern und ihm Realitätsfremde
vorwerfen. Doch seine kompromisslose Einschätzung der
längerfristigen Wirkung des Kyoto-Systems und der Haltung der
Politiker und Ökononomen bei dringlichen Klimaschutzfragen tut gut.
Eine «bequeme Wahrheit»
Für den Historiker Hänggi
wird zu viel geschwatzt. Ein Schwätzer sei zum Beispiel Al Gore.
Der Friedensnobelpreisträger zeichnet zwar im Film «Eine
unbequeme Wahrheit» eindrücklich, wie der Klimawandel die
Erde verändert. Doch seine Botschaft sei eine «bequeme
Wahrheit»: Gore suggeriere Lösungen, die dem Einzelnen nicht
wehtun.
In diese Kategorie gehört auch der
ehemalige Weltbank-Chefökonom Nicolas Stern. Buchhalter des
Klimawandels nennt Hänggi all jene, die Klimaschutz und die Folgen
der Erderwärmung nach dem Kalkül der Kosten und Nutzen
beurteilen. Das Vorsorge-Prinzip, wie es in der
Uno-Klimarahmenkonvention festgeschrieben ist, komme in diesen
ökonomischen Betrachtungen nicht zum Zug: Solange die Kosten
für die Schäden höher sind als die Aufwendungen für
Klimaschutzmassnahmen, geht die Rechnung auf.
Sobald jedoch das Risiko für teure
Schäden gering ist, wird von Massnahmen abgesehen, von Vorsorge
ist dann keine Rede mehr. Hänggi zweifelt an der Methode der
Kosten-Nutzen-Analyse im Kontext des Klimawandels. Er belegt seine
Zweifel damit, dass die Resultate von Nicolas Stern, der im Klimaschutz
einen ökonomischen Gewinn sieht, durch andere Arbeiten widerlegt
wurden.
Die Wirtschaft muss, so Hänggi,
nicht in erster Linie Gewinne generieren, sondern die Bedürfnisse
aller Menschen befriedigen. Auch aus diesem Grund hält er das
System des Kyoto-Protokolls für ineffektiv. Es setzt besonders auf
den Handel mit Emissionsrechten und auf Investitionen in Klimaprojekte
in Entwicklungsländern. Klimaschutz zuerst dort zu betreiben, wo
pro Euro am meisten zu erreichen ist, also in ärmeren
Ländern, kann in Industriestaaten überholte Strukturen auf
der Basis fossiler Energien länger am Leben erhalten. Diese These
lässt sich aktuell auf die Debatte in der Schweiz übertragen.
Heftig diskutieren Experten beim Bund, ob Investitionen vor allem im
Ausland nicht die Entwicklung von Innovationen in der Umwelt- und
Energietechnologie in der Schweiz bremsen.
Zudem zeigt die bisherige Erfahrung,
dass der Bonus neuer, effizienter Technologien durch Wachstum und
falsche Anreize schnell einmal aufgebraucht ist. Wie wirksam sind
Anstrengungen, Treibhausgase zu reduzieren, fragt Hänggi mit
Recht, wenn zum Beispiel nach wie vor fossile Energien subventioniert
werden?
Fossile Energie rationieren
Seine Botschaft ist deshalb radikal:
Die wichtigste Klimaschutzmassnahme ist die Rationierung fossiler
Energieträger. Ein System, das nur über den Markt
funktioniert, ist für Hänggi keine Lösung. Es braucht
Verbote, Vorschriften und Planung, um den Klimaschutz effektiv zu
machen.
Der weltweite Ausstoss der
Treibhausgase hat ein Ausmass angenommen, das selbst das schlimmste
Szenario des Uno-Weltklimarats IPCC übertrifft. Gleichzeitig geben
die Klimaforscher zu verstehen, dass letztlich nur eine Abkehr vom
Konsum von Kohle, Erdöl und Erdgas den Klimawandel stoppen kann.
Dabei stellt sich die Frage, wie viel
Zeit uns bleibt, um unser Energiesystem komplett umzubauen und das
Schlimmste abzuwenden. Denken wir nach dem Vorsorgeprinzip, so
müssen wir annehmen, dass uns nicht allzu viel Zeit bleibt. Vor
diesem Hintergrund wäre Hänggis Botschaft einer Rationierung
von Erdgas, Erdöl und Kohle sinnvoll. Nur: Haben wir die Zeit, die
Politik, die Wirtschaft und die Gesellschaft neu auszurichten? Ein
wenig mehr Faulheit würde uns aber sicher guttun.
Martin Läubli
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