Marcel Hänggi: Wir Schwätzer im Treibhaus.
Warum die Klimapolitik versagt

«Der Bund» / «Der kleine Bund» vom 04. Oktober 2008

Wir müssen unseren Lebensstil ändern

«Kleiner Bund»: Herr Hänggi, die Börsen tauchen, wir drohen in eine Rezession zu rutschen. Eine gute Nachricht?
Marcel Hänggi: Für das Klima durchaus. Ich kann mir vorstellen, dass eine Rezession mehr zur Schonung des Klimas beiträgt als alle bisher ergriffenen Klimaschutzmassnahmen. Ein Zusammenbruch der Wirtschaft brächte eine grosse Entlastung – aber das ist natürlich nicht die Art von Klimaschutz, die man sich wünschen kann.

Umgekehrt: Wenn die Wirtschaft wächst, ist das zwingend schlecht fürs Klima?
Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen dem Wirtschaftswachstum und dem Ressourcenverbrauch. Heutzutage ist viel die Rede davon, diese zwei Grössen entkoppeln zu müssen. Ein Blick in die Geschichte lässt einen allerdings zweifeln, ob das möglich ist: Jedenfalls ist es noch nie vorgekommen, dass die Wirtschaft wuchs und gleichzeitig die Umweltbelastung zurückging.

Werfen Sie mal einen Blick zurück.
Globales Wirtschaftswachstums im Prozentbereich gibt es seit 1870. Meist erklärt man diesen Aufschwung mit technischer Innovation. Das halte ich für wenig plausibel, denn es gab damals keinen plötzlichen technischen Sprung. Viel plausibler ist der Zusammenhang mit der Nutzbarmachung von fossiler Energie. Kohle und Öl standen nun in grossen Mengen zur Verfügung.

Energie hat der Mensch ja auch schon vorher zu nutzen gewusst. Was war das Besondere an den fossilen Energieträgern?
Der Preis. Plötzlich war Energie extrem billig. Bis dahin nutzte man Biomasse, d.h. vor allem Holz, sehr wenig Wind- und Wasserkraft und ansonsten vornehmlich menschliche und tierische Energie. Mit Kohle, später Öl und Gas war Energie erstmals in der Geschichte in grosser Menge sehr konzentriert und in leicht transportierbarer Form verfügbar.

Die Wirtschaftsmaschine ist also angewiesen auf billigen «Brennstoff». Gibt es denn da keinen Ersatz? Sonnenenergie wäre ja auch gratis?
Es ist nicht zu erwarten, dass alternative Energieträger je so billig werden wie Öl, Gas oder Kohle. Bei der Kernenergie hat man uns das jahrzehntelang versprochen, und in Zukunft soll es die Kernfusion richten. Aber wir sollten nicht auf Technologien setzen, die wir noch nicht haben, um Probleme zu lösen, die jetzt aktuell sind.

Wenn die Wirtschaft also weiter wachsen soll, geht das kaum ohne fossile Energieträger. Was wären denn die Folgen, wenn wir einfach alles verbrauchen würden?
Es gibt Hochrechnungen, die davon ausgehen, dass die Folgen für das Klima gerade noch erträglich wären, wenn wir all das Öl und Gas, das uns bleibt, noch aufbrauchen. Aber nur, wenn wir sofort aus der Kohle aussteigen. Doch es geht genau in die andere Richtung: China baut die Kohlenutzung stark aus, und auch in Deutschland werden neue Kohlekraftwerke gebaut.

Aber irgendwann ist ja auch mit der Kohle Schluss.
Ja, und vielleicht schon früher, als wir denken. Eine Studie, die das US-Departement für Energie in Auftrag gegeben hat, sprach 2005 von «beispiellosen ökonomischen, sozialen und politischen Kosten», wenn wir uns nicht zwanzig Jahre vor dem Ölfördermaximum auf ein Leben ohne fossile Energie vorzubereiten beginnen. Und es sieht ganz so aus, als wäre dieses Maximum bald erreicht oder schon überschritten.

Klimaschutz als Vorbereitung auf das postfossile Zeitalter?
Ganz genau. Auch wenn sich in ein paar Jahrzehnten wider alles Erwarten herausstellen sollte, dass die Prognosen vom Klimawandel falsch waren, hätte sich das Umdenken gelohnt. Wir hätten dann wenigstens gelernt, ohne Öl auszukommen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, die Emissionen zu beschränken, das sei ein bisschen, als würde man, statt ein Rauchverbot zu verhängen, den Rauchern verbieten auszuatmen. Warum sind die momentanen Klimaschutzregelungen so ineffizient?
Kohlendioxid ist nicht einfach ein Schadstoff, den man auf dieselbe Art regeln kann wie beispielsweise die FCKWs, die für das Ozonloch verantwortlich waren. Man sollte den Kohlenstoff dort regulieren, wo er in Form von Öl, Gas und Kohle in die Wirtschaft eingespeist wird, und nicht dort, wo er sie in Form von Kohlendioxid verlässt. Theoretisch kommt es auf dasselbe heraus, aber so wäre es sehr viel leichter umsetzbar.

Fossile Brennstoffe rationieren?
Im Grunde tut das Kyoto-Abkommen genau das. Aber indem es bei den Emissionen ansetzt statt bei der Quelle, lügt man sich darüber hinweg. Zudem ist der Deckel, den Kyoto auf die Kamine setzt, voller Löcher.

Früher war es einfacher: Schadstoffe konnte man verbieten, ohne dass das einschneidende Folgen hatte. Bei den Treibhausgasen würde eine radikale Regelung auch entsprechend radikale Änderungen bedingen.
Das ist richtig. Bei den bisherigen Umweltproblemen konnte man einen Katalysator oder Feinstaubfilter einbauen, Kläranlagen errichten oder Giftstoffe durch ungiftige ersetzen und dann weitermachen wie gewohnt. Diesmal geht es nicht, ohne dass wir den Lebensstil ändern.

Aber nicht doch. Verzicht? Es heisst doch immer, Klimaschutz sei möglich, ohne dass wir uns einschränken müssten.
Ja, das versuchen uns alle weiszumachen, allen voran Al Gore. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, einfach so weiterzumachen und den Klimawandel in den Griff zu bekommen. Ob allerdings ein solcher Richtungswechsel, wie er nötig wäre, zwingend zum Schlechteren ist, wird sich weisen.

Wofür würden Sie denn plädieren?
Man predigt die ganze Zeit, das Wirtschaftswachstum und die negativen Folgen für die Umwelt zu entkoppeln. Weshalb entkoppeln wir nicht das Wohlergehen vom Wachstum?

Wie meinen Sie das?
Es ist zum Dogma geworden, dass Wirtschaftswachstum per se gut ist. Aber zahlreiche Studien zeigen, dass die Menschen nicht glücklicher werden, wenn die Wirtschaft wächst – zumindest nicht ab einem gewissen Lebensstandard.

Kann denn die Wirtschaft auch funktionieren, ohne dauernd zu wachsen?
Langfristig wird sie das müssen. Seit 1870 haben wir ein globales Wachstum im Prozentbereich. Das ist eine historische Ausnahmeerscheinung. Das kann nicht der Normalfall für weitere Jahrhunderte sein.

Und wie würde eine solche Wirtschaft ohne Wachstum aussehen?
Ich habe keine fertige Lösung zur Hand, es wäre Aufgabe der Ökonomen, Modelle ohne Wachstumszwang zu entwickeln.

Es gibt einen Zwang zum Wachstum?
So, wie unsere Wirtschaft funktioniert, muss sie wachsen, um nicht zu kollabieren. Paradox in einer liberalen Gesellschaft: Zwänge sollten da keinen Platz haben.

Umgekehrt ginge es auch nicht ohne Zwänge: Der freiwillige Verzicht liegt uns nicht.
Es braucht Zwänge wie Rationierungen, aber diese muss sich die Gesellschaft in einem möglichst demokratischen Prozess selbst auferlegen. Heute wagt sich niemand mehr, Verbote zu fordern, das gilt als unliberal. Aber es ist nicht liberal, Dinge, die unsere Lebensgrundlagen zerstören, nicht zu verbieten. Ich meine, dass die Lebensqualität gewänne, wenn wir uns vom Wachstumszwang befreien könnten.

Sie zitieren eine Ökonomin, die eine «Kultur der Faulheit» fordert. Was heisst das?
Bestimmt nicht, dass wir keinen Schritt mehr zu Fuss machen und stattdessen immer das Auto nehmen. Es geht darum, das Wachstum der Bedürfnisse zu bremsen. Wir konsumieren immer mehr, fliegen immer weiter in die Ferien und leben in immer grösseren Wohnungen, aber wir werden nicht glücklicher. Wir sitzen in einem Hamsterrad: Da ist es durchaus erstrebenswert, ein faulerer Hamster zu sein. Denn der schnellere kommt auch nicht weiter.

Interview: Roland Fischer