Marcel Hänggi:
Wir Schwätzer im Treibhaus. Warum die Klimapolitik versagt


Textauszug: Einleitung: Magerjoghurt statt
Klimaschutz
Das Klima ist eine komplexe Sache. Die Antwort auf die Frage aber,
was angesichts des vom Menschen verursachten Klimawandels zu
tun sei, ist entwaffnend einfach: Wir müssen die Menge der Treib-
hausgase, die wir in die Atmosphäre pumpen – vor allem Kohlendi-
oxid (CO2) –, drastisch senken. Das geht nur, wenn wir wesentlich
weniger Erdöl, Erdgas und Kohle verbrennen. Das Einfache ist aber
schwer zu machen. In Wirklichkeit steigt der CO2-Ausstoß nicht nur,
er steigt immer schneller – schneller, als das von der Uno eingesetzte
Klima-Expertengremium IPCC (Intergovernmental Panel on Climate
Change) in seinem pessimistischsten Szenario angenommen hat. 1)
Was läuft falsch?
Am 11. Januar 2007 publizierte die deutsche Wochenzeitung Die
Zeit einen Leitartikel unter dem Titel »Wir könnten auch anders«.
Anlass war die bevorstehende Präsentation des jüngsten IPCC-Be-
richts. Obwohl zu diesem Zeitpunkt noch streng vertraulich, war
doch schon einigermaßen durchgesickert, dass die Prognosen dieses
Berichts düster ausfallen würden. Das Klima wurde zu einem der
wichtigsten globalen Themen für Medien, Politik und Wirtschaft.
Das Terrain für die verstärkte Präsenz des Themas in der Öffent-
lichkeit war ein paar Monate zuvor, im Herbst 2006, bereitet wor-
den. Al Gores Dokumentarfilm Eine unbequeme Wahrheit (An In-
convenient Truth) war ein Kassenschlager.2) Ende Oktober desselben
Jahres präsentierte die britische Regierung eine Studie über die Folge-
kosten des Klimawandels, verfasst vom ehemaligen Weltbank-Chef-
ökonomen Nicholas Stern.3) Stern rechnete vor, dass der Klimawan-
del die Wirtschaft sehr teuer zu stehen kommen werde, wenn nicht
bald gehandelt wird. Selbst US-Präsident George W. Bush gestand
Anfang 2007 erstmals ein, dass es eine vom Menschen verursachte
Klimaerwärmung gebe. Begleitet wurde die Debatte von Wetterano-
malien, die zu den Vorhersagen der Klimawissenschaftler passten –
in unseren Breiten war das eine Serie deutlich zu warmer Monate, das
Ausbleiben des Winters 2006/07 und der sommerliche April 2007.
Das Terrain war also vorbereitet. Die Zeit gab sich in ihrem Leit-
artikel engagiert und optimistisch. Tenor: Wir haben es in der Hand.
Und forderte – etwa dass wir weniger Auto fahren würden? Nein!
»Niemand«, schrieb die Autorin, »kann uns verbieten, millionenfach
nach Ökoautos zu verlangen.«
Die Aussage illustriert, woran die gegenwärtige Klimadebatte
krankt.
Während wir weniger brauchten – weniger Treibhausgase –, spre-
chen alle von mehr. Mehr »Ökoautos«. Mehr Energieeffizienz. Mehr
erneuerbare Energien. Nachhaltiges Wachstum. Politiker, Ökono-
minnen, Wissenschaftler, selbst Umweltorganisationen scheinen das
Wort »weniger« mit einem Tabu belegt zu haben. In der Zusammen-
fassung des dritten Teils des IPCC-Berichts – dieser befasst sich mit
den Maßnahmen gegen den Klimawandel und wurde im Mai 2007
präsentiert – kommt das Wort »weniger« viermal, das Wort »mehr«
dreißigmal vor.
Wir benehmen uns wie Übergewichtige, die zu viel Fettes essen
und nun, einsichtig, dass es so nicht weitergehen kann, statt weniger
Fett zu jeder Mahlzeit zusätzlich noch einen Magerjoghurt essen.
Magerjoghurts und alles, was aussieht wie solche, haben Hochkon-
junktur. Was verspricht, weniger CO2 auszustoßen, ohne dass man
sein Verhalten ändern muss, ist gut. Damit riskieren wir nicht nur,
das Ziel zu verfehlen. Es werden im Namen des Klimaschutzes heute
auch Entwicklungen angestoßen, die fatale Nebenwirkungen haben
oder haben könnten. Wir sind bereit, sogar giftige Joghurts zu essen,
wenn sie nur mager sind.
Wir brauchten, was schlecht in unsere Zeit passt: eine Kultur,
eine Politik, eine Wirtschaft des Weniger. Ich will in diesem Buch
fragen, weshalb wir uns damit so schwertun. Im ersten Teil betrachte
ich die Grundlagen der Klimapolitik – die Wissenschaft, namentlich
die Ökonomie, in ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Im zweiten Teil
diskutiere ich Maßnahmen, die unter dem Begriff Klimaschutz ange-
priesen werden – und will zeigen, wo wir uns selbst belügen. Im drit-
ten Teil frage ich, wie das denn aussehen könnte: eine Welt, die mit
weniger auskommt. Im Anhang des Buches finden sich ein Glossar
und eine Übersicht zu den wichtigsten Zahlen.
In vielem werde ich radikale Kritik üben. Aber: Alles, was ich
vorschlage, ist in der Klimapolitik im Grundsatz schon vorhanden
oder in anderen Politikfeldern erprobt. Ich werde ein paar einfache
Antworten geben. Klimaschutz ist im Grunde eine einfache Angele-
genheit: weniger fossilen Kohlenstoff verbrennen; Einfaches soll man
nicht unnötig verkomplizieren. Aber wer einfache Antworten gibt, ist
eine Erklärung schuldig, weshalb nicht alle anderen auf dieselben
Antworten gekommen sind.
Diese Erklärung suche ich in den Tabus, die unsere Sicht von
Ökonomie und Politik beschränken: das Wachstumstabu vor allem;
damit eng verbunden das Tabu, das Präsident George Bush senior
1992 am Uno-Umweltgipfel in Rio de Janeiro ausgesprochen hat und
dem sich der politische Widersacher seines Sohnes, Friedensnobel-
preisträger Al Gore, stillschweigend anschließt: »Der amerikanische
Lebensstil steht nicht zur Debatte.«
Ich könnte nun in das gerade beim Klimaschutz beliebte USA-
Bashing einstimmen. Aber man sollte sich nichts vormachen: Der eu-
ropäische Lebensstil steht genauso wenig zur Debatte wie der ameri-
kanische.
1) In den 1990er-Jahren stieg der weltweite CO2-Ausstoß um 1,1 Prozent pro Jahr;
zwischen 2000 und 2004 um 3 Prozent. Michael Raupach et al., »Global and Re-
gional Drivers of Accelerating CO2 Emissions«, in: PNAS, pre-print 22. Mai 2007;
http://www.ornl.gov/info/ornlreview/v40_3_07/documents/article17web_raupach_etal_2007PNAS.pdf.
2) Der Film lief im Herbst 2006 in unseren Kinos an. In den USA war der Kinostart
am 24. Mai. Erstmals gezeigt worden war der Film am Sundance Film Festival im
Januar 2006.