|
|
|---|
|
Im Bereich der natürlichen Ressourcen wie auch des Klimawandels stehen wir
vor einer physischen Krise, die weitgehend von uns Menschen gemacht ist. (...) Wenn wir diese physische Krise überwinden wollen, müssen wir andere Dinge herstellen als bisher und sie auf andere Weise nutzen. (...) Wir werden gute Umwelthandwerker werden müssen. Richard Sennett, »Handwerk«
Die Menschheit sieht sich mit immensen Problemen konfrontiert. Diese Probleme sind zu einem guten Teil durch Technik verursacht. Technik wird aber auch bei der Lösung der Probleme eine zentrale Rolle spielen müssen. Um zu einem zukunftsfähigen Technikverständnis zu gelangen, ist ein realistisches Verständnis der Technik in der Gesellschaft entscheidend. In den vergangenen ungefähr drei Jahrzehnten haben die Technikgeschichte, die Techniksoziologie und die Technikphilosophie viel zu einem solchen Verständnis beigetragen. Die populäre Technikdebatte indes und selbst Teile der Wissenschaft (nanemtlich der Ökonomie) frönen nach wie vor einem sehr vereinfachenden Technikverständnis. Es gibt eine starke Tendenz, die Lösung der Probleme von der Technik allein zu erwarten – etwa von neuen Techniken erneuerbarer Energiegewinnung: Wir müssen nur innovativ genug sein, dann werden wir mit unseren Problemen fertig. Mit dieser Sicht geht ein Technikverständnis einher, das der Problemlösung im Wege steht. Das lässt sich am Begriff der »Innovation«, dem zentralen Fetisch der »Wissensgesellschaft«, illustrieren: Innovation ist das unhinterfragt Gute; »innovativ« muss heute in Wissenschaft und Politik, in Kultur und sogar im Sport sein, was überzeugen will. Innovation soll Wirtschaftswachstum befeuern und gleichzeitig mit den negativen Folgen des Wachstums fertig werden. Dabei war »Innovation« bis um 1965 ein im Deutschen unbekanntes Wort. Seither ist sein Aufstieg ungebremst, wie eine Auszählung der Worthäufigkeit zeigt. Gleichzeitig zum Aufstieg von »innovativ« nimmt die Verwendung von »fortschrittlich« ab. |
![]() |
|
Quelle: ngrams.googlelabs.com
|
|
Hier löst nicht bloß ein Wort ein anderes ab. So problematisch auch der Begriff »Fortschritt« ist: In diesem Wort steckt eine lange Begriffsgeschichte vor allem seit dem 18. Jahrhundert. »Fortschritt« denkt die Gesellschaft immer mit. Dagegen heißt »innovativ« lediglich: neu. »Fortschritt« kennt den Gegenbegriff des »Rückschritts«. Zu »Innovation« fehlt ein Gegenbegriff: »Stagnation« ist nur das Fehlen, nicht das Gegenteil von Innovation. Was nicht stagniert, ist schon gut. »Innovation« lässt technischen Wandel nur in eine Richtung denken; die Idee, dass der Verlauf der menschlichen Geschichte aus Entscheidungen für eine und gegen eine andere Alternative besteht, hat hier keinen Platz mehr. »Krisen«, schreibt die Erziehungswissenschaftlerin Marianne Gronemeyer, sind »in dieser Lesart immer und ausschließlich ein Novitätsmanko. Wer in der Krise steckt, ist nicht modern genug.« Die Ablösung des »Fortschritts« durch die »Innovation« steht für eine vereinfachende Idee technischen Wandels. Diese stellt sich das Voranschreiten der Technik als einen Dreischritt vor: Die Wissenschaft erlangt Erkenntnisgewinne; Anwendungen setzen diese in Innovationen um; Innovationen lösen das Alte ab und verbessern das Leben der Menschen. Das ist nicht nur (in den meisten Fällen) falsch, sondern letztlich anti-fortschrittlich: »Calling for innovation is, paradoxically, a common way of avoiding change when change is not wanted. The argument that future science and technology will deal with global warming is an instance. (...) Technology has not generally been a revolutionary force; it has been responsible for keeping things the same as much as changing them«, schreibt der Technikhistoriker David Edgerton. Um zu einem angemessenen Umgang mit Technik zu gelangen, der Technik weder kulturpessimistisch verteufelt noch von ihr alles Heil erwartet, ist ein reflektiertes Verständnis technischen Wandels nötig. Dem steht das populäre, durch zahlreiche Mythen genährte Verständnis des technischen Wandels als eines linearen Prozesses entgegen. Dieses lineare Fortschrittsverständnis zu hinterfragen ist das Hauptziel des geplanten Buchs. Es richtet sich an ein breites Publikum.
|
|
Inhalt und Aufbau des Buchs Das Buch besteht aus einem Prolog, fünfzehn bis zwanzig »Fortschrittsgeschichten« und einem Epilog. Die oben skizzierten Ausgangsüberlegungen sind Thema des Pro- und des Epilogs; sie bleiben sonst im Hintergrund. Die »Fortschrittsgeschichten« sind konkrete Geschichten technischen Wandels aus der Technikgeschichte. Gemeinsam ist ihnen, dass sie dem linearen Fortschrittsmodell zuwider laufen: Es geht darum zu zeigen, dass Fortschritt »anders« funktioniert. Strenge Systematik ist hier nicht so wichtig – es geht um technischen Wandel; es geht um tatsächliche Fortschritte, um Scheinfortschritte und um Fortschritte, die sich als Rückschritte erwiesen haben. Es geht dabei nicht um eine Kritik an der Technik, sondern um eine Kritik an der Wahrnehmung von Technik und technischem Wandel. Prolog Der Prolog skizziert und kritisiert die »lineare« Vorstellung technischen Wandels und leistet eine Kritik eines Fetischs der »Wissensgesellschaft«: »Innovation«. Ein Leitmotiv des Prologs ist die Polarität zwischen zwei Vorstellungen des Verhältnisses Technik - Gesellschaft: Wir haben alles im Griff vs. Widerstand gegen technischen Fortschritt ist sinnlos. Wir plädieren hier für eine Sichtweise, die den gesellschaftlichen Umgang mit Technik betont, dabei also immer im Auge behält, dass historische Entwicklungswege (fast) nie zwingend sind, sondern Alternativen offen stehen, ohne deswegen aber gesellschaftlichen Allmacht- und Planbarkeitsphantasien das Wort zu reden. Kapitel-Beispiele Anästhesie: Landläufig gilt die Entdeckung der (Inhalations-) Anästhesie als einer der großen Triumphe des Chirurgie im 19. Jahrhundert. Ein genauerer Blick zeigt aber, dass die akademisch organisierte Medizin weniger zur Einführung der Anästhesie beigetragen als diese 50 Jahre lang behindert hat. (Dieses Kapitel stützt sich auf eigene Forschungen Marcel Hänggis.) Buchdruck: Der Buchdruck gilt vielen als die Erfindung, die das Mittelalter beendet hat. War er aber tatsächlich die Voraussetzung gesellschaftlichen Wandels oder war es nicht vielmehr der vorausgegangene gesellschaftliche Wandel, der zum Buchdruck geführt hat? Fruchtfolge: Seit dem 15. Jahrhundert verbreitet sich von den Niederlanden aus die gezielte Fruchtfolge mit Leguminosen über Europa. Obwohl sie die Erträge verdoppelte, also aus technischer Sicht eindeutig überlegen war, verbreitete sich die neue Anbautechnik nur extrem langsam. Die Gründe dafür waren gesellschaftspolitischer, nicht technischer Natur. Dampfmaschine: Gemäß dem linearen Fortschrittsverständnis lösen neue, überlegene Techniken alte, unterlegene ab. Anhand der Dampfmaschine lässt sich schön zeigen, dass das meist nicht so ist: In der Regel tritt die neue Technik zu den alten Techniken hinzu. So hat die neue thermodynamische Energienutzung die archaische »Energienutzung« der Sklaverei – erbarmungslose Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft – nicht abgelöst, sondern erst auf ihren grausamen Höhepunkt getrieben. Concorde: Schon während der Entwicklungsphase der Concorde zeigte sich, dass dieses Projekt jeglicher ökonomischen Rationalität spotten würde; dennoch wurde es zu Ende geführt: »Die der Rationalität und dem Programm der Entzauberung der Welt verpflichtete Technik schafft Umwelten, denen der Mensch gegemnübersteht wie einst der vormoderne Mensch einer magischen Natur.« (A. Nordmann). Die Entdeckung der Bodenorganismen: Jahrtausende lang arbeiteten Bauern mit Bodenorganismen, ohne viel davon zu wissen. Die industrialisierte Landwirtschaft hat mit Giften, überdüngung und schweren Maschinen die Bodenorganismen abgetötet. Nun beginnt die Wissenschaft, den Beitrag der Bodenorganismen zur Landwirtschaft systematisch zu erforschen. Alte Techniken werden auf höherem Kenntnisniveau wieder hergestellt und optimiert; dieser Fortschritt wird aber in der gängigen Fortschrittswahrnehmung kaum zur Kenntnis genommen, da es sich um »Low-Tech« handelt. Homo ludens: Der während der gesamten Antike und bis ins Hochmittelalter höchste Damm der Welt wurde von Nero erbaut: Um seinen Lustgarten in Tivoli zu bewässern. Die Feinmechanik im 18. Jahrhundert erreichte ihre höchste Blüte in Spielzeugautomaten. Die Grundlagen des PCs wurden ganz wesentlich von Tüftlern gelegt, denen es vor allem um eines ging: Computerspiele. Unterhaltung und Spiel sind wichtige Triebkräfte technischen Wandels; der Ingenieur ist mehr Homo ludens denn Homo faber. Genomik: Die Genomik muss in Begriffen des »Vielversprechenden« beschrieben werden, sagt Wissenschaftsforscher Mike Fortun: Die Genomik verspricht seit langem sehr viel, und diese Versprechen können sich erstaunlich lange halten, obwohl sie nicht in Erfüllung gehen: Das Forschungsfeld inszeniert sich erfolgreich als Mythos. übersehen wird dabei meist ein tatsächlicher Erkenntnisfortschritt, den die Genomik gebracht hat – ein Fortschritt hin zu mehr Ungewissheit, nicht zu mehr Gewissheit: Die Entzifferung des Genoms etablierte die Erkenntnis, dass die Ein-Gen-ein-Protein-Hypothese falsch sei. Epilog Im Sinne Richard Sennetts – »Wir werden gute Umwelthandwerker werden müssen« – skizziert der Epilog, wie ein zukunftsverträglicher Umgang mit Technik aussehen könnte/müsste. Er plädiert für eine Sichtweise, die Technik ernst nimmt, aber nicht irgendwelchen Mythen nachhängt, und die Technik immer in ihrem gesellschaftlichen Kontext bewertet – kurz: für einen umfassenden und politischen Technikbegriff.
|
|
NZZ-Serie Marcel Hänggi publiziert von April 2012 bis März 2013 einmal im Monat in der NZZ einen einspaltigen Text in seiner Serie «Alles neu?». Die Serie ist eine Art Vorstudie des Buchs – was hier Spalten sind, sollen im Buch Kapitel werden.
|
