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Marcel Hänggi:
Ausgepowert. Das Ende des Ölzeitalters als Chance |
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Die ersten 43 Seiten können Sie hier online lesen. Einleitung (Textauszug) |
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What we call Man's power over nature turns out to be a power exercised by some men over other men with nature as its instrument. Clive Staples Lewis, 1943
Something is profoundly wrong with the way we live today. For thirty years we have made a virtue out of the pursuit of material self-interest: indeed, this very pursuit now constitutes whatever remains of our sense of collective purpose. We know what things cost but have no idea what they are worth. We no longer ask of judicial or legislative act: is it good? Is it fair? Is it just? Will it help bring about a better society or a better world? Those used to be the political questions, even if they invited no easy answers. We must learn once again to pose them. Tony Judt, 2010
Das Tiefbauamt der Stadt Zürich, meiner Wohngemeinde, wagte 2009 einen Blick in die Kristallkugel. Es beauftragte drei Expertenteams, Szenarien zu entwerfen, wie der Verkehr in der Stadt Zürich im Jahr 2050 aussehen könnte. Jedes Expertenteam ging von anderen Annahmen aus, wie die Rahmenbedingungen sich entwickeln. Das Szenario »Individualität« ist geprägt durch einen zunehmenden Individualismus und rosige wirtschaftliche Aussichten: »Das Energieproblem ist gelöst, Alternativen zu fossilen Treibstoffen sind vorhanden.« Im Szenario »Ressourcenknappheit« gelingt es »trotz technischer Fortschritte nicht, die Verknappung der nicht erneuerbaren Energien zu kompensieren. Mobilität ist teuer und der Individualverkehr stark eingeschränkt«. Das Szenario »Online und Desintegration« schließlich geht aus von einer »grenzenlosen Technologisierung der Information und Kommunikation« bei ausreichender Energieversorgung. Die Zusammenfassung des Tiefbauamts schildert die Welt des ersten Szenarios in neutralen Worten. Im zweiten Szenario führt die Verteuerung des Verkehrs »zu einer geringen Umweltbelastung und einer erhöhten Lebensqualität, weil der nicht benötigte Verkehrsraum zu Lebensraum umgebaut wird«. Im dritten Szenario »diktiert die Wirtschaft die Rahmenbedingungen für die Einführung und Durchsetzung von Kontrollen aller sicherheits- und wirtschaftsrelevanten Lebensbereiche. Das Diktat der Wirtschaft und der technische Fortschritt führen zu einer Entsynchronisierung der Gesellschaft. (…) Außer mit dem Velo oder zu Fuß werden Verkehrsteilnehmer dauernd und überall überwacht.« Könnte es sein, dass das, was alle Politikerinnen und Politiker zu fürchten scheinen wie der Teufel das Weihwasser -- eine Verknappung der Energie --, das Leben lebenswerter macht?
Als mich die Schweizerische Energie-Stiftung 2009 anfragte, ob ich im Hinblick auf eine Zukunft des knappen Öls ein Buch schreiben wolle, zögerte ich. Gab es nicht bereits zahlreiche Bücher und Studien zum Thema -- Bücher, die feststellen, was auf der Hand liegt, nämlich, dass wir uns in Sachen Energie umorientieren müssen, und die skizzieren, wie das zu bewältigen ist? Doch, diese Bücher gibt es. Viele tragen programmatische Titel: Am Ende des fossilen Zeitalters, Öl-Wechsel, Öl-Ende, Leben ohne Erdöl, Energie-Autonomie, Energiewende, Der energethische Imperativ oder Energierevolution. Aber je mehr von diesen Büchern ich las, desto unbehaglicher wurde mir. Denn die meisten dieser Bücher scheinen mir am Wesentlichen vorbei geschrieben zu sein. Gleich, ob sie von der Sorge um die Umwelt oder von der Sicherstellung der Versorgung ausgeht: Im Zentrum jeder Energiediskussion, die sich nicht auf das Technische beschränkt, muss heute die Frage stehen, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die mit weniger Energie auskommt und vor allem: ohne Energie, die so billig ist, wie wir das im 20. Jahrhundert kannten. Doch die Gesellschaft kommt in der gegenwärtigen Energiedebatte kaum vor. Wann werden die fossilen Energieträger knapp? Lassen sie sich durch andere Energie ersetzen? Kann dies rechtzeitig geschehen, um einen katastrophalen Klimawandel abzuwenden? Das sind die Fragen, die im Wesentlichen diskutiert werden, und die Antworten fallen kontrovers aus. Aber ob es wünschbar sei, die bisherigen Energieträger durch »umweltfreundliche« zu ersetzen, mithin den gegenwärtigen Energiekonsum, gar seinen Wachstumstrend fortzusetzen, oder ob es angezeigt wäre, den Verbrauch zu senken: Das wird kaum gefragt. Ich will das hier tun -- und will dabei auch danach fragen, wie sich die Energie, die eine Gesellschaft verbraucht, auf die Art und Weise auswirkt, wie Menschen zusammenleben. Definitive Antworten kann ich nicht geben. Vielleicht hat mein Buch seinen Zweck erreicht, wenn es gewisse Fragen wieder ins Bewusstsein seiner Leserinnen und Leser rückt. Ich sage »wieder«: denn die Fragen, die ich meine, waren schon einmal da. Vor allem in den 1970er-Jahren, vereinzelt schon in den Jahrzehnten davor, gab es eine Umwelt- und Technikdiskussion, die sich von der heutigen dadurch unterschied, dass sie politisch und sozial bewusster geführt wurde. Die wichtigsten Autorinnen und Autoren dieser Zeit und ihre Bücher sind heute weitgehend vergessen; Stimmen, die heute ähnliche Positionen vertreten, sind Ausnahmen. Dafür geistern die Siebzigerjahre als Phantom durch die Debatten: als das Klischee der realitätsfremden, fortschrittsfeindlichen, griesgrämigen, Wollsocken tragenden Steinzeit-Ökos, die glücklicherweise abgelöst worden seien durch die modernen, Bio-Fairtrade-Espresso trinkenden Umweltbewussten von heute. Es lohnt sich, die Autoren, die ich meine -- etwa Jacques Ellul, Leopold Kohr, Ernst Friedrich Schumacher, Hans Jonas, Jean Améry, André Gorz und, als in meinen Augen wichtigster und radikalster Denker, Ivan Illich -- auch heute zu lesen. Sie alle waren nicht Umwelt-Autoren in einem engen Sinne: Sie nahmen die Umweltkrise vielmehr zum Anlass, über das Verhältnis der Gesellschaft zur Technik grundsätzlich nachzudenken. Heute gibt der Klimawandel dem Energiethema seine größte Dringlichkeit, und ich selber bin vom Klimawandel her zum Thema gekommen. Aber die Wichtigkeit des Themas reicht weit über Öko- oder gar nur CO2-Bilanzen hinaus -- hin zu Fragen, was die Nutzung billiger Energie der Gesellschaft antut, im Guten wie im Schlechten, und was das für eine postfossile Gesellschaft heißen kann und heißen muss. (...) Als Journalist und Nicht-Energiefachmann kann ich die wissenschaftlichen Analysen nicht in ihrer technischen Substanz nachvollziehen oder gar eigene Studien anstellen. Ich kann aber nachhaken: Welche Fragen werden gestellt -- und welche nicht? In welchen Denkparadigmen bewegt sich eine Analyse? Welches sind die -- expliziten und impliziten -- Prämissen, von denen die wissenschaftliche Arbeit ausgeht? Gerade dass ich den Fachdiskurs von außen beobachte, ohne selber Teil davon zu sein, ermöglicht mir, gewisse seiner blinden Flecken und fragwürdigen Voraussetzungen leichter zu erkennen. Ich werde in diesem Buch oft historisch argumentieren. Ein Blick in die Geschichte lässt erkennen, wie eine Gesellschaft von ihrem Umgang mit Energie geprägt wird. Damit will ich aber keinem Energie-Determinismus frönen und nicht behaupten, diese Prägungen seien zwangsläufig. Sondern der Blick in die Vergangenheit soll im Gegenteil bewusst machen, dass der Energiekonsum einer Gesellschaft in je spezifischen historischen Situationen entstanden ist und immer auch andere Entwicklungen denkbar gewesen wären. Und so muss sich die Welt auch in Zukunft nicht in den Bahnen bewegen, die wir kennen. Historische Weichenstellungen, die sich für uns heute als nachteilig erweisen, können umgestoßen werden, denn nichts in der Geschichte ist eine absolute Notwendigkeit -- außer den physischen Limiten, die die Naturgesetze und die endliche Verfügbarkeit der Ressourcen setzen.
Die Probleme, die sich im Zusammenhang mit Energie zeigen -- nicht nur der Klimawandel -- sind schwindelerregend. Dieses Buch will deshalb radikal sein: an die Wurzeln unserer Gesellschaft, unserer Kultur, unseres Denkens rühren. (...) Nur am Rande gehe ich auf ein Thema ein, das viele im Zusammenhang mit ökologischen Fragen als entscheidend erachten: die Bevölkerungsfrage. Gibt es nicht einfach zu viele Menschen und müssten wir uns nicht schleunigst überlegen, wie das Bevölkerungswachstum zu stoppen sei? Dass es einfacher ist, begrenzte Ressourcen unter einer kleineren als einer größeren Zahl von Menschen aufzuteilen, ist trivial. Und bezüglich der Ernährung mag es sein, dass die Grenze der Tragfähigkeit der Erde nicht allzu weit von den neun Milliarden Menschen entfernt ist, die laut Schätzungen um die Mitte des 21. Jahrhunderts auf der Welt leben sollen. Was die meisten anderen Ressourcen und auch die Energie angeht -- und bis heute gilt das auch für die Nahrung --, ist die Gesamtzahl der Menschen aber nicht der entscheidende Punkt: Geht man davon aus, was ein Mensch für ein »gutes Leben« braucht (was das heißt, will ich in Kapitel 2 genauer betrachten) und wie diese Ressourcen mit den heute verfügbaren Techniken bereitgestellt werden können, so gibt es genug für alle. Nicht die Bevölkerungsgröße ist das Problem, sondern, dass ein Teil der Menschen viel zu viel verbraucht. Die drohenden Knappheiten sind viel mehr eine Frage der Verteilung denn der absoluten Zahl von Menschen. Die Rede von der »Bevölkerungsexplosion«, gar der »Bevölkerungsbombe« verschleiert diese Tatsache. Im Zusammenhang mit unserem Thema ist interessant, dass es ein Vertreter von Big Oil war, der die Forderung, das Wachstum der Weltbevölkerung zu begrenzen, nach dem Zweiten Weltkrieg wirkungsvoll in die Außen- und Entwicklungspolitik der USA einbrachte: John D. Rockefeller III., der Enkel des Begründers der Standard Oil. Die Forderung wurde in den 1960er-Jahren von Teilen der Umweltbewegung aufgenommen, am prominentesten vom Biologen Paul Ehrlich von der Stanford University (er hat seinen Büchern martialische Titel wie The Population Bomb, The Race Bomb oder The Population Explosion gegeben). (...) Zum Aufbau dieses Buchs: In den Kapiteln 1 und 2 (Kohle und Entwicklung) will ich darlegen, weshalb Quantität und Art der Energie, die eine Gesellschaft braucht, für deren spezifische Entwicklung eminent wichtig sind, und ich werde mich der Frage widmen, wie viel Energie der Mensch für ein »gutes Leben« braucht. Die Kapitel 3 bis 6 (Nahrung, Raum und Zeit, Größe und Verschleiß) legen anhand einiger konkreter Beispiele dar, wie Energieanwendung sich auswirkt -- auf die Art, wie wir uns ernähren, wie wir uns in Raum und Zeit bewegen, auf die stofflichen Aspekte des Lebens und auf die Struktur politischer und ökonomischer Macht. Diese Kapitel sollen die These illustrieren, dass zu viel Energie einer Gesellschaft eher zum Schlechten denn zum Guten gereicht. Kapitel 7 (Potenziale) fragt nach den wichtigsten Energiequellen und ihren Potenzialen und vor allem danach, ob eine Ersetzung »umweltschädlicher« durch »umweltfreundliche« Energien überhaupt möglich ist. In den Kapiteln 8 bis 10 schließlich (Angebot und Nachfrage, Lösungen, Freiheit) geht es um die Lösung der Energieprobleme und um die Folgen solcher Lösungen für eine freiheitliche Gesellschaft. |
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