«Die Weltwoche» vom 10. Mai 2001
Brief aus WangayEs war eine Demonstration der Macht. Wir hatten ein paar Tage zum Wandern in den Alantika-Bergen im Kanton Wangay im Norden Kameruns verbracht. Nun bestellte uns der Chef de canton, der Lamido von Wangay , zur Audienz in seinen Palast - ein Lehmhaus mit Wellblechdach. Wir sollten ihm dafür, dass wir sein Gebiet bereist hatten, Wegzoll entrichten.
Unser Begleiter übergab, am Boden kniend, die ausgehandelten 5000 Francs CFA (12.50 Franken), als Seine Majestät sich eines anderen besann. Mit lässiger Bewegung wischte er das Geld zu Boden und sagte etwas Unfreundliches auf Fufulde. Unser Guide, immer noch auf den Knien, nahm die Note zurück und überreichte 10 000 Francs.
Legal ist das nicht. Aber was heisst das schon? Was Gesetz ist, bestimmt hier nur einer: der Lamido. Er ist der traditionelle Feudalherr der islamischen Peul. Seine Autorität wird, wie diejenige anderer traditioneller Chefs, Häuptlinge und Könige, von Kameruns Verfassung anerkannt. Als Beamter bekommt er ein Salär und Kompetenzen auf lokaler Ebene.
Die Grenzen dieser Machtbefugnis bestimmen viele Lamidos freilich nach eigenem Gutdünken. Wangay ist in zwei Stunden mühsamer Fahrt über löchrige Pisten erreichbar; es gibt keinen Strom, weder Fernsehen noch gekühltes Bier. Da schaut selten ein Vertreter des Staats vorbei, um zu prüfen, ob es die Majestät mit dem Herrschen nicht vielleicht ein bisschen übertreibe.
Der mächtigste und berüchtigtste traditionelle Herrscher Kameruns, der Lamido von Rey Bouba, unterhält eine Privatarmee, wirft Untergebene willkürlich in den Kerker, behandelt Ehefrauen als Privateigentum und hält sich, laut Menschenrechtsreport des amerikanischen Aussenministeriums, Kindersklaven.
Der Staat duldet diese Machtkonkurrenz auf lokaler und regionaler Ebene einerseits, weil er zu schwach ist, diese einzugrenzen. Das war schon zu Kolonialzeiten so. Weder die Deutschen noch die Briten konnten oder wollten die traditionellen Herrscher entmachten, und auch das zentralistische Frankreich musste sich auf diese Form der «indirekten Herrschaft» einlassen. Mit den Chefs ist aber andererseits auch die Legitimität verbunden, die auf den Staat zurückfällt. Einige afrikanische Intellektuelle wie der Politologe Mwayila Tshiyembe vom Institut panafricain de géopolitique in Nancy fordern eine spezifische Demokratie für Afrika, die die traditionellen Herrschaftsformen einschliesst.
In der Theorie klingt das gut. Doch die Arroganz, mit der die Lamidos schalten und walten, ist mit Demokratie nicht vereinbar. Tradition mag ihre guten Seiten haben. Die Macht, diese Tradition zu interpretieren, liegt aber traditionellerweise beim Chef. Man kann sich ausmalen, zu wessen Gunsten ein Chef, der seine Untergebenen vor sich niederknien lässt, die Tradition im Zweifelsfalle interpretiert.
Marcel Hänggi