«Die Weltwoche» vom 30. August 2001
Diagnose: Überdosis AfrikaZwei Wochen war es her, ebenfalls mitten in der Nacht. Zentralkamerun: Der Zug von Ngaoundéré nach Yaoundé hätte um 18.20 Uhr fahren sollen. Taxis, Buschtaxis und Busse warten vor einem Betonbau auf die Ankommenden. Der Bahnhof hat Sitzbänke für zwanzig Personen, doch zwei- oder dreihundert Passagiere warten auf die Fahrt des Zuges zurück nach Yaoundé, hocken oder liegen auf ihren Matten auf dem Boden, trinken in den Bars am Bahnhofsplatz ein Bier. Kinder verkaufen Wasser, rufen «Lolololo!» (L’eau, l’eau). Um 21 Uhr wird bekannt gegeben, der Zug habe Verspätung. Um 23 Uhr trifft er ein. Busse und Taxis füllen sich, die Putzequipe macht sich an die Arbeit. Um zwei Uhr wird der Zugang zu den Gleisen freigegeben. Um drei fahren wir.
«Afrique en miniature» nennen die Kameruner ihr Land gern, das vom Sahel bis zum tropischen Regenwald fast alle Klimazonen Afrikas umfasst. Ein Kondensat dieses Miniaturafrika sei die Zugsstrecke Ngaoundéré - Yaoundé, steht in den Reisebüchern. Dieses Kondensat will ich zu mir nehmen. Um keine Überdosis zu riskieren, löse ich einen Liegeplatz erster Klasse in einem Viererabteil. Wie lange die Fahrt über 622 Kilometer dauert? Die Fahrkartenverkäuferin will sich nicht festlegen.
Ich erwache gegen sechs Uhr: vielleicht von der Helligkeit. Vielleicht von den Schmerzen in meinen Gelenken. Vielleicht vom nassen Laken. Vermutlich aber vom Geruch. Eine Mitreisende im Abteil führt einen Sack Trockenfleisch mit, so gross wie ein Fünfzigkilosack Getreide. An den Fleischgeruch gewöhne ich mich nicht: Er wird stärker, je länger ich ihn rieche.
Die zweite Klasse würde das authentischere Erlebnis bieten, stand im Reisebuch. Das hiess es auch vom Reisen im Buschtaxi, es ermögliche angeregte Gespräche. Reiseführerromantik: Niemand ist sehr kommunikationsfreudig, wenn er eingequetscht zwischen Bustür und Mitpassagier, eine Hinterbacke frei schwebend, in einem Minibus sitzt, an dessen Innenwand mit kalligrafischer Handschrift geschrieben steht: «Es ist im Taxi verboten zu rauchen, sich zu prügeln, zu stehlen, zu kotzen, zu spucken.» Ebenso wenig ist die zweite Klasse des Zugs ein Ort zur Kontaktaufnahme. Eher zum Schwitzen, Warten, Dösen.
Leben in den Zug bringen die Stopps. Die Einwohner der Dörfer kommen gelaufen, Körbe mit Esswaren oder Wasserflaschen auf dem Kopf. Einmal gibt es gebratene Fische, einmal geröstete Maiskolben. Überall: «Lololololololo». In Bélabo sind es Stängel aus Maniokteig. Fermentiert, also im Zustand beginnender Zersetzung. Von jetzt an gesellt sich dieser Geruch zu jenem von Schweiss, Latrinen, Fleisch. Wo immer in Afrika Handel getrieben wird – also fast überall, wo Menschen leben –, riecht es nach Fleisch. Nach Fleisch, das zu lange schon riecht. Gedeih und Verderb sind nah beieinander. Amöben im Wasser, Yersinien im Gemüse, Bazillen auf Früchten, Bilharziose in Gewässern, Brucellose in der Milch, und in feuchten Kleidern nisten Fliegen.
Nur ein paar Meter waren für mich in Maroua Gedeih und Verderb auseinander. Dass Marie in Maroua die Einzige war, die das Gemüse richtig wusch, war kein Geheimnis. Aber wer entscheidet sich nicht auch mal gegen die Vernunft – ich ass jedenfalls an jenem Montag, nicht ganz zwei Wochen vor der Zugsreise, nicht «Chez Marie», sondern drei Meter daneben.
Um die entzündeten Gelenke zu schonen, liege ich auf meiner Couchette, Trockenfleisch in der Nase, bis alle verfügbaren Kissen und T-Shirts nass geschwitzt sind.
Ich hatte geglaubt, einfach das Klima nicht zu ertragen, als ich, auf einem Trekking in die Alantika-Berge, im Schatten eines Tamarindenbaumes lag und die Lufttemperatur mit dem Fieberthermometer mass. Eine deutsche Touristin hatte mir erzählt, auf Blechbüchsen in der Küche ihrer Grossmutter seien unter der Aufschrift «Kolonialwaren aus Kamerun» Neger und Negerhütten abgebildet gewesen. Ich fand mein Afrika, wie ich es einst in Kinderbüchern kennen lernte, in den Bergen: Lehmhütten mit Strohdach, Bananenstauden rundherum, Negerlein mit Lendenschurzen. Es erwarte niemand, dass ich hier erkläre, wie diese Menschen in diesen Bergen leben. Wenn man sich nichts zu sagen hat, nützt auch ein guter Dolmetscher nichts. Wenn alle sich fühlen wie im Zoo, nicht wissend, wer ist Zootier und wer Zuschauer. In den Reiseführern steht, dass Furzzauberer der Koma eine Nacht lang furzen könnten.
Ein Blick auf die Karte um Mittag: Wir haben erst die Hälfte der Strecke zurückgelegt. Um nicht weiter liegen oder stehen zu müssen, setze ich mich in die Öffnung einer Wagentür. Überall sitzen Passagiere in den Türen. Tropenwald, ab und zu ein Pfad, ein einzelner Mensch, ein paar Ziegen, einige Bananenstauden, ein Fussballfeld. Ich möchte abspringen und zu Fuss durch dieses Meer von Vegetation wandern. Auch eines dieser Kindheitsafrikas. Der Fahrtwind kühlt.
Winzige Mandarinen schaffen etwas Erfrischung. Ich habe sie einem Mädchen durchs Zugsfenster abgekauft. Ab und zu lese ich. In den Bergen, steht in meinem Reisebuch, lebten die «interessantesten Ethnien Kameruns». Und wenn schon: Das war mir, als ich da war, egal. Mein eigener Gestank, die Hitze und die Krankheit töteten jede Neugier. Mich interessierte nicht, was die improvisierten Texte der Lieder bedeuteten, mit denen unser Dolmetscher die Koma zum Lachen brachte. Wie Hirsebier schmeckt, dessen Geruch sich in meiner Erinnerung mit andern Gerüchen vermischte: abgebrannte Stoppelfelder, brackiges Wasser und Körperausdünstungen. Ich war Eindringling, hatte hier nichts verloren.
Die Sonne geht, kurz vor Yaoundé, unter wie in einem Afrikafilm: feiss, dunkelgelb, hinter majestätischen Baumriesen. Und plötzlich beginnt der Wald zu tönen: Vogelgeschrei und Zirpen von allen Seiten. Aus der Ferne Kindergesänge. Afrika ist nichts für Nasenmenschen: Afrika ist etwas für Ohrenmenschen.
In Yaoundé ist es dunkel ohne Mond. Die Slums an der Bahnstrecke sind kaum erkennbar. Am Bahnhof werden wir von Taxifahrern bestürmt. «Dreitausend für zwei Personen!» Sein Kumpan sagt: «Ein guter Preis.» Und als wir ihn wegschicken: «Zweitausend!» – «Ein sehr guter Preis!» Später nehmen wir ein Taxi für tausend. 150 Francs (37 Rappen) pro Person wäre der übliche Preis gewesen.
Am nächsten Tag in der Notfallaufnahme des öffentlichen Spitals diagnostiziert der Arzt Malaria. Das verabreichte Chinin reduziert meine Hörfähigkeit. Statt endlich in das urbane Afrika einzutauchen, befinde ich mich in einem Zustand, wie er auch die Wahrnehmung vieler europäischer Afrikaforscher geprägt haben muss. Als betrachtete ich das Leben am Fernseher, dessen Ton zurückgedreht wurde. Die Kleider und das Bettzeug wollen nicht trocknen.
Ein paar Tage später Rückflug; die Kamerunerin auf dem Sitz neben mir hat eine Malariakrise.
Vier Tage nach meiner Rückkehr in die Schweiz erhalte ich Krücken. Nach sieben Tagen Einweisung ins Universitätsspital. Keine Malaria, sondern «Verdacht auf reaktive systemische Arthritis».
Afrika bleibt länger in meinen Knochen, als ich in Afrika war. Beim Betrachten der Fotos staune ich über die Schönheit der Berge, während der Wald nicht zur Geltung kommt. Menschen hatte ich nur wenige fotografiert. Sie blicken mich durchwegs selbstbewusster an, als ich im Moment des Fotografierens geschaut haben muss.
Marcel Hänggi