Unveröffentlicht. Mai 1996
Vor dem Krieg hat Okucani 1900 (1600 serbische und 300 kroatische) EinwohnerInnen. 1991 fällt Okucani auf die serbische Seite. Kämpfe gibt es in Okucani selbst keine. Die katholische Kirche, die Holzfabrik (grösster Arbeitgeber vor dem Krieg), zahlreiche Wohnhäuser werden gesprengt. 1991 bis 1995 gehört Okucani zur international nicht anerkannten «Serbischen Republik Krajina» (RSK). Seit dem Waffenstillstand im Januar 1992 steht das Gebiet unter Uno-Schutz (United Nations Protected Area UNPA West). Der Waffenstillstandvertrag wird nie umgesetzt. Ein Abkommen zwischen Kroatien und der RSK ermöglicht im Frühjahr 1995 die Wiedereröffnung der Autobahn Zagreb-Belgrad.
Mit der «begrenzten Polizeiaktion» mit dem Namen Bljesak (Blitz) erobert Kroatien das serbisch kontrollierte Gebiet zwischen Pakrac im Norden und der Sava im Süden, zwischen Jasenovac im Westen und Nova Gradiska im Osten in weniger als zwei Tagen zurück. Internationale Beobachter sind in diesen Tagen nicht zugelassen. Unmittelbar nach Bljesak hat Okucani noch fünfundfünfzig Einwohnerinnen und Einwohner.
Heute leben in Okucani wieder über tausend EinwohnerInnen. Neunzig Prozent dieser Menschen sind Flüchtlinge aus Bosnien und Ostslawonien, die sich in den leeren Häusern angesiedelt haben; zehn Prozent sind Eingesessene. In den kleinen Dörfern um Okucani lebt bis heute fast nur, wer nach Bljesak geblieben ist. Das Durchschnittsalter liegt in vielen dieser Dörfer um siebzig.
Valentina, 28, vor zehn Jahren aus Okucani weggezogen, nach Bljesak zurückgekommen«Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie toll das Leben hier war. Ich bin viel in der Welt herumgekommen, aber sowas gab’s nirgends. Siehst du hier, diese Abfallhalde in dem Bach, früher gab’s sowas gar nicht. Wir haben gebadet in dem Bach. Die Strassencafés waren voll, hier war das Kino, die Disco. Jetzt ist kulturell überhaupt nichts mehr los. Jetzt kenne ich kaum mehr jemand. Ich kam nach Bljesak hierher, wegen der Eltern. Ich war während des Kriegs in Deutschland und in Portugal. Am 1. Mai rief mich eine Verwandte aus Amerika an und sagte, hast du gehört, was passiert ist. Da begann eine schlimme Zeit. Ich telefonierte überall rum, um herauszufinden, wo meine Eltern sind. Sie flüchteten nach Bljesak nach Bosnien und dann nach in Serbien. Ich fuhr dann zu ihnen nach Serbien und unternahm alles, dass sie wieder zurückkehren konnten, via UNHCR. Im September erhielten sie die Erlaubnis vom kroatischen Flüchtlingsministerium. Meine Eltern sind das jüngste Ehepaar, das via UNHCR zurückgekehrt ist nach Bljesak, und die einzigen, wo beide Partner Serben sind. Vielleicht ging das leichter, weil beide krank sind. Einen Monat nach Bljesak ging ich nach Okucani. Ich war ja die einzige jüngere Serbin im Dorf. Hinter meinem Rücken haben gewisse Männer «Tschetnik» gerufen, weil ich Serbin bin. Das Haus war schlimm. Es war sehr viel gestohlen worden, alle technischen Geräte. Ich putzte vierzehn Tage lang. Die haben auf den Teppich geschissen. Vieles musste ich wegwerfen, weil es so stank. Das ist Krieg, das ist auf allen drei Seiten so, auch bei den Muslimen und Serben. Dazu stehe ich. Ich versuche immer, alle drei Seiten zu sehen. Mein Freund ist Muslim. Ich fühle mich überhaupt nicht als Serbin, ich bin Kroatin, das ist mein Land. Meine Religion ist meine Privatsache. Ich würde gern im Dorf einen Fitnessclub eröffnen, es müsste wieder ein Kino geben, Konzerte, damit das Leben hier wieder erwacht. Die Leute sprechen ja nur noch vom Krieg und von nichts anderem. Man betrachtet sich nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als Kroaten, Serben, ... Jetzt geht alles gut, mit den Dokumenten usw. Die Dokumente sind teurer geworden, jetzt fragen sie dich nicht mehr nach der Nationalität, wenn du nur zahlst. Ich hatte zuerst schon Angst zu kommen, aber meine Kusine in Zagreb sagte, dass es jetzt nicht mehr gefährlich sei. Mein Grossvater ist seit Bljesak verschollen. Ich will auf der Polizei nachsehen, ob er auf der Liste der Getöteten ist, ich habe einen Bekannten bei der Polizei. Du brauchst überall Bekannte. Die Polizei fragte meinen Vater, wieso er geflüchtet sei. Er sagte, sein Vater sei nicht geflüchtet, und der sei seither verschwunden.» Ljiljana Caboci, stellvertretende Bürgermeisterin
«Ich stamme aus Nova Gradiska. Ich wurde nach Bljesak als stellvertretende Bürgermeisterin nach Okucani geholt, im August. Okucani war im Krieg nicht zerstört worden; was zerstört wurde, gehörte den Kroaten. Es gibt ein neues Gesetz für den Wiederaufbau, jeder Mensch kriegt ein neues Haus, egal, was für eine Nationalität, es sind alles Bürger von Kroatien. Ich kann Ihnen auch Beispiele nennen, etwa in Covac oder Vrbovljani, wo Häuser wiederaufgebaut wurden, die gehören Serben. Die alten Leute kriegen Unterstützung vom Staat und vom kroatischen Roten Kreuz, vom Sozialamt, die sind alle hier registriert. Wer pensioniert ist, kriegt seine Pension. Meine Eltern sind auch so ein Beispiel, mein Vater kriegt Pension und Sozialhilfe. Als ich nach Okucani kam, im August, ja da war natürlich alles leer. Meine Eltern waren in Nova Gradiska, als der Krieg begann, bei den Bombardierungen 1991 flüchteten sie. Ich blieb, trotz den Bombardierungen. Nova Gradiska war nie okkupiert. Ich musste arbeiten. Es war sehr schwer. Frauen und Kinder waren geflüchtet. Man schlief und arbeitete im Keller. Bljesak, das bedeutete für mich das Gefühl jedes kroatischen Bürgers, dass unser Land wieder Kroatien gehört. Dass man jetzt mit dem wirtschaftlichen Wiederaufbau beginnen kann. Das ist ja das wichtigste, die Wirtschaft und die Landwirtschaft. Die Militärpolizei befasst sich mit der Säuberung der verminten Gebiete. Die Stimmung im Dorf – nun, die Serben, die früher hier waren, betrachten das als ihr Land. Das ist ihr Land, es gibt keine Probleme. Die jungen Serben sind gegangen. Wer die kroatische Regierung akzeptiert und kein Kriegsverbrecher ist, der kann zurückkommen. Jeder muss selber wissen, ob er zurückkommen kann. Das ist auch psychologisch. Jeder soll es selbst wissen. Nach dem Bljesak gab es keine Toten. Absolut nein. Natürlich, am Tag selbst, in den Kämpfen, da wurden Leute getötet, das war Krieg. Aber es gab keine Exzesse. Es war alles unter Kontrolle. Es gibt Gerüchte, Panzer der serbischen Armee hätten flüchtende Serben und ihre Autos überrollt, um ihre eigene Haut zu retten. Leute sahen das vom Wald aus. Das ist schlimm. Jetzt ist es mehr als ein Jahr her. Wir hoffen, dass auch die Gebiete im Osten bald wieder unter kroatische Kontrolle kommen, ohne Krieg. Dass die Leute, welche die kroatische Regierung akzeptieren, wieder zurückkommen und wieder normal arbeiten können, dass die Wirschaft und die Kultur wieder funktioniert. Dass sich Kroatien in die Europäische Gemeinschaft eingliedert und in Frieden lebt. Dass es nie wieder Krieg gibt.» A., ca. fünfzig, lebte im ganzen Krieg und bis heute in Okucani
«Das ändert ja doch nichts an der Situation, wenn ich erzähle. Was soll ich erzählen. Es gibt tausende, die haben es schwerer. Das ist nicht interessant, was ich zu sagen habe.» B., ca. fünfzig, lebte im ganzen Krieg und bis heute in Okucani
«Wenn ich sagen würde, was war, das wäre schlecht. Was geschehen ist, ist geschehen. Wenn ich aussagen würde, möchte ich die Wahrheit sagen, und das wäre sehr schlecht.» C., ca. fünfzig, hat ihren Mann im Bljesak verloren, lebte im Krieg und bis heute in einem kleinen Dorf bei Okucani
«Wenn ich alles sagen würde, da könnten Sie ganze Romane schreiben, die wären tausende von Seiten dick. Die Leute in den Dörfern haben unglaublich viel Schlimmes erlebt. In Okucani ist das nicht so schlimm, aber in den abgelegenen Dörfern gibt es soviele Provokationen, da sind die Leute isoliert. Ich sage Ihnen jetzt, was alles passiert ist, aber schreiben Sie das nicht auf. Ich würde Probleme kriegen. Man darf nicht laut sagen. Wenn man sagt, was passiert ist, wird man abgeführt.» D., ca. sechzig, lebte im ganzen Krieg und bis heute in Okucani
«Ich habe nichts zu sagen. Fragen Sie Leute wie C., die haben wirklich etwas erlebt. Das ist nicht interessant, was ich zu sagen habe. Ich bin eine gewöhnliche Frau.»
«Welches Okucani wollen Sie porträtieren? Das vor dem Krieg, das in der Krajina-Zeit, oder das nach Bljesak? Das sind drei verschiedene Okucani. Dies ist das schönste und das hässlichste Dorf der Welt. Sowas gibt es auf der Welt nur einmal. Die Zeit vor dem Krieg, da lebte ich normal, wie alle jungen Leute. Alles war schön. Wir lieben dieses Dorf, mein Mann und ich. Auch jetzt, aber auf andere Art, weil es die Menschen nicht mehr gibt, die früher hier lebten. Der Krieg, das war – du hörtst zuerst die Schiessereien, du fühlst Chaos in dir. In diesen ersten Momenten des Kriegs sagte ich mir, dass kein Mensch dieser Welt das Recht hat, mich von aus meiner Heimat rauszuschmeissen. Es gab Leute, die versuchten, uns zu vertreiben. Als der Krieg anfing, kamen Serben, die sagten, alle Kroaten müssen hier raus. Ein Freund, der Kroate war, wurde umgebracht, da sagte mein Mann, geht weg, du und Irene – das ist unsere Tochter –, weil ich auch Kroatin bin. Mein Mann ist Serbe. Wir gingen also nach Bosanska Krupa in Bosnien. Das war 1991. Irene wurde dort eingeschult, sie war sieben. Aber nach anderthalb Monaten, da begann auch in Bosnien die Krise, und wir kehrten zurück. Sehen Sie das Bild hier von Irene, wie glücklich sie war, zuhause zu sein, obwohl die Granaten fielen. In der Schule sagten sie ihr, du hast blaue Augen, du bist katholisch, du bist «Arierin». Das waren so Provokationen. Ich erlebte natürlich auch Provokationen, aber ich bin eine Kämpferin. Ich wehrte mich. Jetzt, in der kroatischen Schule, gibt es wieder ähnliches. Irene wurde ein «politisch-national provokatives Kind» genannt, wissen Sie wieso? Weil sie in der Bibliothek das Buch «Der Kurier von Psunj» suchte. Das ist ein Buch aus der kommunistischen Zeit, über die Partisanen. Psunj ist ein Berg bei Okucani, vor dem Krieg gingen wir da picknicken. Sehen Sie dieses Bild. Da braten wir ein Hähnchen auf Psunj. Als Bljesak kam, habe ich mich von meinem Leben verabschiedet. Wir blieben, wir waren fast die einzigen. Von drei Seiten kamen die Soldaten. Die fragen nicht, ob du Kroatin oder Serbin bist. Das ist so im Krieg, auf allen Seiten: Erst schiessen, dann fragen. Mein Bruder rettete mir das Leben. Er war Soldat der kroatischen Armee. Er kam sofort zu unserem Haus, durch all die Schiessereien und fallenden Granaten. Ich glaube, es wurden viele Leute umgebracht an Bljesak, aber ich weiss das nicht, weil sie uns nach Nova Gradiska brachten. Ich kam zurück am 10. Mai, mein Mann am 13. Alle technischen Geräte waren gestohlen, wie in allen Häusern. In der Krajina-Zeit, da waren wir okkupiert, weil da kamen fremde Leute, von Knin und Bosnien, die sagten, was gilt. Mit Bljesak kamen wieder Fremde. Das sind nicht mehr meine Leute, die ich kannte in Okucani. Sehen Sie hier, das ist ein Bild von einem Freund. Er fiel an Bljesak.»
Ana, 76
«Mein Mann ist schon schlafen gegangen. Er könnte Ihnen mehr
erzählen. Ich bin ja nur vier Jahre zur Schule gegangen, ich weiss
nichts. Mein Mann würde von seinen Bienen erzählen, die sind
seine Leidenschaft. Ich lebe seit 1971 in Okucani. Im Krieg
flüchteten wir, am 24. August 91. Mein Mann wurde provoziert, weil
wir Kroaten sind. Wir wollten nur kurz nach Novska fahren, bis alles
besser würde. Aber da war plötzlich alles blockiert, da
konnte man nicht zurück. Wir wären sofort wieder zurück,
aber da waren Barrikaden, die Eisenbahn wurde gesprengt. Wir gingen
dann nach Zagreb, weil es in Novska auch schon begann. Wir hatten keine
Hoffnung mehr, zurückkehren zu können. Wir begannen, in
Zagreb eine Existenz aufzubauen, kauften uns ein kleines, altes Haus,
dort, wo unser Sohn lebt. Genau, als wir es gekauft hatten, da kam
Bljesak. Bljesak war eine Befreiung, aber ja! Wir kamen noch im Mai
zurück, sobald es nach Bljesak möglich war. Da war alles leer
im Dorf, keine Menschen waren da. An unserem Haus war gar nichts
zerstört. Es wurden einige Sachen gestohlen, aber wenn man mit
anderen Leuten vergleicht, was denen gestohlen wurde, so ist das
nichts. Die Bienenhäuser wurden zerstört, wir lebten
früher vom Honigmachen. Früher war alles leichter. Ich war
jünger. Die Kinder sind weg, wir sind alt und allein und
können nicht mehr arbeiten. Aber was wollen wir. Es gibt viel zu
tun. Die Stimmung im Dorf, heute – wir lebten früher
zusammen, und so auch jetzt. Wir kannten uns alle. Aber jetzt sind neue
Leute gekommen, die anders sind. Wir hatten ein gutes Auskommen mit den
Nachbarn, mit den Neuen ist das anders. Wir kennen uns nicht. Das ist,
als ob du in einem neuen Land bist. Das sind wie Ausländer. Die
Alten, die da waren, sind nicht mehr da. Früher war das egal, ob
man Serbe oder Kroate ist, man half einander. Heute sind die weg.
Manche sind in Banja Luka, in Serbien, in Kroatien, überall. Sehr
viele wollen zurückkommen. Ich habe vier Kinder. Ich wünsche
mir, dass sie zurückkommen. Die Enkel kommen und helfen, einer
wohnt zum Beispiel in Novska, einer in der Nähe von Pakrac. Nein
nein, Sie haben nicht gestört. Ich lege mich nur so früh zu
Bett, weil ich nichts zu tun habe. Ich hätte ja doch nicht
schlafen können.»
Ivan, circa 60, Flüchtling aus Derventa (Bosnien-Herzegowina)
«Ich kam am 1. Juli 1995 nach Okucani. Ich stamme aus Derventa,
das ist heute serbisch besetzt. Wir haben uns dagegen gewehrt, ich war
in der bosnisch-kroatischen Armee. Die Jugoslawische Armee kam, wir
wehrten uns und schafften es auch eine Weile, frei zu bleiben. Ende
Juni 92 kam der Befehl, wir sollten uns nicht mehr wehren. Ich weiss
nicht, von wem der Befehl kam. Ich bin ein einfacher Mann, über
mein Schicksal wird an höheren Stellen entschieden. Wir versuchten
zu überleben, woher die Waffen kamen und woher die Befehle, weiss
ich nicht. Viele wurden umgebracht. Die Serben kamen zum Beispiel in
ein Dorf, dort schlachteten sie 19 Menschen ab. Wir hatten fast keine
Waffen, doch wir hatten die Kraft, uns zu wehren. Die Luftwaffe
bekämpfte uns. Wir haben 43 Panzer zerstört; wir haben
gekämpft! Über 8500 Kroaten fielen in den Kämpfen. Dann
kamen wir als Flüchtlinge nach Kroatien, die Zivilen am 5. Juli
92, die Soldaten später, im November, als Bosanski Brod fiel. Es
gab Gruppen, die blieben, die wollten sich noch wehren, zum Beispiel in
Orasje. Ich ging nach Slavonski Brod, in Kroatien, dort blieb ich dann
ein Jahr, in einem kleinen Häuschen. Dann war ich ein bisschen da,
ein bisschen dort, wo ich Verwandte hatte. Wir suchten, wo es leere
Häuser gab. In Okucani gab es welche. Das nennt sich
«vorläufige Unterkunft», die wurden uns zugewiesen,
bis die Besitzer zurückkommen. Irgendwo muss ich doch hin. Wo ich
herkomme, da ist alles zerstört. Wenn der Besitzer des Hauses
zurückkommt, ich weiss nicht, was das Gesetz da sagt, aber ich
kann doch nicht raus, ich habe doch nichts anderes. Die Leute, die hier
lebten, die gingen von allein, niemand hat die vertrieben. Die kriegten
Befehl von den eigenen Leuten, dass sie wegmussten. Die wussten, dass
sie wegmussten, die haben soviel verbrochen. Als ich nach Okucani kam,
war Friede, alles war frei, aber es war alles leer. Die Leute, die hier
gelebt hatten, die gingen mit Traktoren, Lastwagen, aber wir hatten gar
nichts, konnten nichts mitnehmen, wir wurden rausgeworfen. Die konnten
doch alles mitnehmen. Das Haus war ziemlich schmutzig, fast nichts war
da, ein Ofen, ein Bett, ein Schrank, eine kleine Vitrine, das war
alles. Wir kriegten humanitäre Hilfe, so renovierten wir das. Ich
kriege wenig Geld vom Staat, Unterstützung von Verwandten, man
lebt halt von wenig, wenn man wenig hat, ich bin zufrieden. Im Dorf
spreche ich mit allen, ich habe da keine Probleme. Es gibt keinen
nationalen Hass. Ich hoffe natürlich, dass ich wieder einmal nach
Hause kann, aber das gehört jetzt den Serben. Ich wollte doch auch
nicht hierherkommen. Solange wir ein Dach über dem Kopf haben, bin
ich zufrieden. Ich bin der kroatischen Regierung dankbar für das,
was wir gekriegt haben.»
Fra Bozo Bozidar Blazevic, katholischer Pfarrer
«Ich kam nach Bljesak aus Split nach Okucani. Vor dem Krieg hatte
ich eine Gemeinde in Vitez in Bosnien. Während dem Krieg war ich
drei Jahre Direktor der Caritas in Split. Deshalb habe ich viel
Erfahrung in humanitärer Arbeit. Ich wollte nach Canberra in
Australien, aber dann wählte ich Okucani. Ich brachte meine
jahrelange Erfahrung hierhin. Durch meine Erfahrungen sammelte ich
Donatoren. Vielleicht wird uns auch Ihr Interview zu Spenden verhelfen.
Eine neue Gemeinde aufzubauen, das braucht viel Erfahrung und viel
Geld. Die Leute in der Gemeinde sind rund 3000 Flüchtlinge und 300
Zurückgekehrte. Ich kam am 20. Juni, 7 Wochen nach Bljesak.
Okucani war leer und sehr schmutzig, es gab sehr viele Insekten,
Flöhe. Es war schlimm, doch ich hatte eine grosse Hoffnung. Dieses
Haus gehörte im Krieg einem serbischen Vojvoden [Fürst]. Es
war total zerstört, wir renovierten es. Die katholische Kirche ist
zerstört worden, dort war im Krieg der Marktplatz, man hat Sand
dorthin geschüttet. Der katholische Pfarrer wurde 1992 nach Banja
Luka verschleppt, dort starb er aus Gram, weil er die Kirche selber mit
viel Liebe renoviert hatte. Sie war sein Lebenswerk. Heute halten wir
die Messe im alten Kino. Jetzt ist die Gemeinde voll, das Dorf ist
sauber. Das Problem ist die Armut. Täglich, und jede Nacht, kommen
Leute, die haben Kriegstraumata. Heute funktioniert das Dorf wunderbar,
aber die Flüchtlinge erleben Provokationen von den Serben, denen
die Häuser gehören, in denen sie leben; diese Serben wollen
die rausschmeissen. Die Serben und Kroaten sind distanziert zueinander,
aber es gibt keine Konflikte. Es hat auch Muslime, Roma, Ungarn,
Tschechen, Italiener, Deutsche... Der orthodoxe Pfarrer war sehr hoch
in der Armee. Er flüchtete nach Bljesak. Jetzt gibt es keinen
orthodoxen Pfarrer. Die orthodoxe Kirche steht. Es gibt Orthodoxe, die
kommen zu uns. Die Caritas hat zum Beispiel sieben Tonnen
Nahrungsmittel für die Serben gegeben. [Zeigt einen schriftlichen
Beleg]. Mein Wunsch für die Zukunft ist, dass immer Friede sei und
Normalität zwischen den Leuten. Und dass alle zurückkehren
können, wo sie herkamen. Dass jeder Pfarrer sich um seine Leute
kümmert, und um seine Angelegenheiten. Wir, die katholische
Gemeinde, müssen uns heute auch um die geistlichen Belange der
Orthodoxen kümmern, zum Beispiel Beerdigungen. Nicht, dass wir uns
denen aufdrängen würden, die Leute kommen selber zu uns und
fragen uns an, ich kann Ihnen das zeigen. [Zeigt schriftliche
Anfragen]. Viele Journalisten schreiben es dann anders. Wir tun das
Gute, und dann wird es ganz anders interpretiert.»
E., Berufssoldat der U.S.-Army im IFOR-Camp nahe Okucani
«Wenn du meinen Namen veröffentlichst, bringe ich dich um.
In Irak wollte mich ein Journalist fotografieren. Ich sagte, Nein. Da
zeigte er seinen Presse-Ausweis. Ich schmetterte ihm die Kamera zu
Boden. Er sagte, du hast meine Kamera zerstört. Ich sagte, oh, das
tut mir leid, beschweren Sie sich bei der Army. So ist das bei uns. Du
bist mein Freund. Ich spreche für mich, nicht für die Army.
Ich habe vier Kinder zuhause. Die älteste Tochter ist schon so
gross und hat schon richtige… [Deutet Brüste an.] Die ist
jetzt vierzehn oder fünfzehn. Ich habe die Kinder lange nicht mehr
gesehen. Unser Präsident Bill Clinton wollte es so, er sagte: Im
Sommer gibt’s Urlaub. Soldaten haben kein Recht, sich zu
beklagen. Sie haben eine Uniform, genug zu Essen, eine Waffe. Aber ich
war auf der ganzen Welt. Ich kann mich beklagen! Was die UN-Truppen
machten, das war Verschwendung von Steuergeldern. Sieh dir das Camp der
Nepalesen an. Die haben das Öl ausgeschüttet. Das ist ein
Verbrechen. Da gab es Schwarzmarkt, Prostitution mit Knaben. Deshalb
dient die US-Army nie unter UN-Kommando. Somalia hat bewiesen, dass das
nicht geht, und Jugoslawien. Das war auch im Irak so, da war ein
Flüchtlingslager. An einem Tag habe ich siebzehn Kinder begraben.
Dann kam so ein Funktionär vom Uno-Kinderhilfswerk, schaute sich
um, der verliess nicht einmal seinen Mercedes-Benz, und dann sagte er
über Funk: Alles okay. Bei der IFOR gibt’s das nicht. Die
Nato, die hat eine effektive Führung. Wenn etwas vorkommt, das
Land wird sofort nach Hause geschickt. Die Ungarn hier machen
erstklassige Arbeit. Die wollen in die Nato. Die tun das für die
Nato, nicht für Bosnien, aber die Menschen in Bosnien profitieren
von der guten Arbeit. Ihr Europäer, ihr müsst euch
überlegen, wie lange ihr Bosnien noch füttern wollt. Die
europäischen Länder, die Hilfsorganisationen, die
füttern die Leute durch, dann können die sich
zurücklehnen, die lehnen sich zurück und bauen weiterhin
Scheisse. Man muss ihnen eine Grenze setzen. Man muss ihnen helfen,
aber bis da und nicht weiter. Deshalb haben wir gesagt, wir geben euch
ein verdammtes Jahr, da habt ihr Zeit, mit eurer Scheisse
aufzuräumen, und es ist eure verdammte Entscheidung, ob ihr das
wollt. Eine Armee kann keinen Frieden machen, wir sichern nur die
Bedingungen. Den Frieden müssen die verdammt selber wollen.
Bosnien... – nach Bosnien musst du fahren, dort passieren die
wirklich interessanten Sachen. Dort ist Krieg. Da gibt es Orte, da
getrauen selbst wir uns nicht, anzuhalten, in Bugojno und Gorazde, da
sind die Mudjaheddin aus Iran. Die kommen direkt in den Himmel, wenn
sie einen Ungläubigen töten, besonders Amerikaner. Dort ist
Krieg. Was hier passiert, ist nichts.»
Bogdanka, 55, Serbin, lebte im ganzen Krieg und bis heute in Okucani
«Ich lebe seit 55 Jahren in Okucani. Der Krieg, das war nicht
einfach. Als er ausbrach, 1991, war ich in Zagreb im Spital mit meinem
verunfallten Sohn. Ich lebte bei meiner Tochter in Zagreb. Im Juni 1992
kam ich wieder nach Okucani. Der Sohn war gestorben, die Tochter ging
nach Serbien. Nach Bljesak flüchtete ich zur Tochter nach Serbien,
das war am zweiten Tag der Offensive. Da war die kroatische Armee schon
hier. Wir fuhren mit einem Lastwagen nach Bosanska Gradiska, ab Pustara
gaben uns die Uno-Truppen Geleit. Wir wurden nicht beschossen, aber auf
den Strassen, da lagen überall Tote rum. Zurück kam ich im
Juli 1995, via Ungarn. Meine Schwester erwartete mich an der
ungarischen Grenze, ich hatte meinen Geburtsschein und alle Papiere,
dass mir das Haus gehört, aber das gab Probleme, weil in meinen
Papieren stand, dass ich Serbin bin, das dauerte zwei Tage, bis die
mich rein liessen. Das Haus war geplündert worden, alle
Häuser waren geplündert. Die plünderten noch, als ich
schon wieder da war, selbst wenn ich im Haus war. Von 1991 bis 1995, da
gab es keine solchen Belästigungen wie heute. Wir hatten gar nicht
das Gefühl, unter Okkupation zu leben, wir fühlten uns frei.
Heute habe ich mit den Behörden keine Probleme, aber es gibt
Belästigungen. Immer noch, aber nicht mehr so schlimm wie
unmittelbar nach Bljesak. Im Krieg grüssten wir uns, auch die
Kroaten, wir teilten die humanitäre Hilfe auch mit ihnen. Aber die
meisten Kroaten waren 1991 weggegangen, die kriegten den Befehl zu
gehen. Heute werden wir nicht mehr akzeptiert, wir können schwer
zusammen leben. Mein Mann lebt immer noch in Serbien, mit der Tochter,
er getraut sich nicht zurückzukommen. Es gibt so viele Geschichten
und Erlebnisse. Wenn man sich daran erinnert, kriegt man
Gänsehaut. Meine ehemaligen Nachbarn sind überall verstreut,
in Serbien, Bosnien. Ich dachte, die Leute, die aus der Vojvodina
geflüchtet sind, also die seien besser als die bosnischen
Flüchtlinge. Aber kürzlich ist eine Serbin mit dem UNHCR
zurückgekommen, und die wurde von den Flüchtlingen aus der
Vojvodina beschimpft. Ich wünsche, dass die Menschen in Frieden
leben. Die Zukunft wird es weisen. Aber wenn jeder, der
zurückkommt, ins Gefängnis muss, wie soll das gehen. Achtzig
Prozent wollen zurück, aber die haben Angst.»
Ivan, 29, Soldat der kroatischen Armee 1991 bis 1995
«Ich kam im August 1995 mit meiner Frau und meinem Kind nach
Okucani. Ich nahm dieses Haus, ein serbisches Haus, ich hatte keinen
Platz zu wohnen. Wenn der Besitzer zurückkommt, gehe ich, kein
Problem. Ich kenne ihn nicht persönlich. Er war ein Leutnant in
der serbischen Krajina-Armee. Er ist ein antikroatisches Element, aber
das ist nicht meine Sache. Ich glaube an dieses Land, aber nun ist der
Krieg vorbei. Die meisten Kroaten wissen, dass sie mit den Serben
zusammenleben müssen. Kroaten sind gute Menschen. Viele Serben
sind nicht schuldig, ich habe nichts gegen sie. Vielleicht zehn Prozent
sind schuldig, nicht mehr. Jetzt müssen wir zusammenleben. Wer
schuldig ist, weiss es; das ist nicht meine Angelegenheit. Ich wollte
nicht in Okucani leben, doch ich habe nichts anderes. Es ist besser,
wenn die Leute, die nichts haben, in die leeren serbischen Häuser
ziehen. Ich war 91 bis 95 in der Armee, jetzt bin ich kriegsinvalid,
fünfzig Prozent invalid, ich beziehe Pension. Ich war Leutnant.
Krieg ist Scheisse. Vier Jahre war ich im Krieg, und ich habe nichts
Positives erlebt. Nur Scheisse. Ich wollte diesen Krieg nicht. Niemand
in Kroatien wollte diesen Krieg. Ich frage: Warum dieser Krieg? Das
kroatische Volk wollte diesen Krieg nicht. Aber Serben – nicht
alle, zehn Prozent – die wollten Krieg. Jugoslawien war ein
serbisches Land. Die nahmen alles kroatische Geld für Belgrad. Es
war Kommunismus, aber Kroaten wollen westliche Kultur. In Bljesak
kapitulierten die Serben. Am Radio sagte man ihnen, bleibt, euch wird
nichts geschehen, wenn ihr die Waffen abgebt. Aber als wir kamen, waren
keine Zivilisten da. Die waren nach Bosnien gegangen. Ich verstehe
nicht wieso. Wer nicht schuldig ist, kann bleiben. Es stimmt nicht,
dass die kroatische Armee Zivilisten tötete. Ich weiss das, ich
war hier. Ich war in zehn Dörfern, keine Zivilisten wurden
getötet. Kroatische Soldaten haben keinen Grund, alte Leute,
Frauen, Kinder zu töten. Die Kroatische Armee ist eine
zivilisierte Armee. Die Kroaten sind ein zivilisiertes Volk, wir wollen
westliche Zivilisation. Serbische Kultur ist östliche Kultur.
Östliche Kultur ist primitiv. 1988, als ich in der Jugoslawischen
Armee war, sagte mir ein Offizier, ich sei Ustasa, weil ich mich als
Kroate bezeichnete. Ich fragte, wie kann ich Ustasa sein, ich bin 25
Jahre nach dem Ustasa-Regime geboren? Die Kroaten sind seit 900 Jahren
hier, das ist Kroatien. Wir kämpften nur für das, was uns
gehört. Wir kämpften mit Handwaffen gegen Panzer.
Marcel Hänggi