«Die Weltwoche» vom 25. Mai 2000
Liberia ist weiss Gott kein wichtiger Handelspartner der Schweiz. Anfang der neunziger Jahre betrugen die Importe aus dem westafrikanischen Land einige hunderttausend Franken jährlich. Doch 1998 geschah Merkwürdiges: Der Wert der Importe stieg um das Siebzigfache auf 33 Millionen. Das Importgut: Diamanten.
In den letzten Jahren gelangten durchschnittlich je sechs Millionen Karat «liberianische» Diamanten auf den Weltmarkt – das Land hat aber nur eine Förderkapazität von 100 000 bis 150 000 Karat. Die meisten Steine stammen in Wahrheit aus Sierra Leone. Aus ihrem Verkauf nährt sich ein neunjähriger Bürgerkrieg, ein zielloses Morden und Verstümmeln unter der Zivilbevölkerung. Mit Diamanten bezahlen die sierra-leonischen Rebellen Waffen. Mit Diamanten finanzierte aber zeitweise auch die Regierung ihren Kampf. Dem südafrikanischen Söldnerunternehmen Executive Outcomes gelang es 1997, die Rebellen in der Diamantregion Kono zurückzudrängen. Es erhielt dafür von der Regierung Schürfrechte in Kono.
Die Verkaufskanäle für Diamanten aus den Gebieten Sierra Leones, die von den Rebellen kontrolliert sind, führen über Liberia. Der liberianische Präsident und ehemalige Rebellenführer Charles Taylor ist der Mentor des sierra-leonischen Rebellenführers Foday Sankoh.
Die Spur führt nach LuzernUnabhängige Branchenkenner schätzen, dass zehn bis fünfzehn Prozent der Diamanten auf dem Weltmarkt aus afrikanischen Kriegsgebieten – Angola, Kongo-Kinshasa, Sierra Leone – stammen. Im vergangenen Herbst lancierte die britische regierungsunabhängige Organisation Global Witness eine Kampagne gegen den Handel mit Diamanten aus Kriegsgebieten. Im Dezember veröffentlichte die Partnerschaft Afrika-Kanada (PAC) einen Bericht über den Diamanthandel mit Sierra Leone. Die britische Regierung rief danach dazu auf, den Handel mit Diamanten aus Sierra Leone zu stoppen. Im März legte der Sicherheitsrat der Uno seinen Bericht über den Diamanthandel der angolanischen Unita-Rebellen vor. Gegen die Unita besteht seit 1998 ein Uno-Embargo – der Bericht zeigt auf, wie die Unita das Embargo umgeht und ihren Krieg weiterhin mit Diamanten finanziert.
Die Wege der Diamanten sind verschlungen und machen die Durchsetzung von Sanktionen extrem schwierig. Zwei Drittel des Rohdiamantenmarktes werden vom südafrikanischen Unternehmen De Beers kontrolliert, das seinen Hauptsitz 1990, als das Ende der Apartheid absehbar wurde, nach Luzern verlegte. Über seine Central Selling Organization (CSO) verkauft De Beers in London (und zum kleineren Teil in Luzern) an 160 handverlesene Händler zu festen Preisen. Die Hälfte dieser Händler hat ihren Sitz in Antwerpen. Achtzig Prozent der weltweit gehandelten Rohdiamanten durchlaufen die Antwerpener Diamantbörse. Zwei Drittel der Rohsteine, die Grossbritannien importiert, kommen aus der Schweiz – laut Schweizer Statistik wiederum kommen 96 Prozent der Importe aus Grossbritannien. Entweder pendeln die Steine hin und her – oder aber die Statistiken sind falsch. Bearbeitete Steine importiert die Schweiz, ausser aus Ländern mit grossen Diamantbörsen, aus Panama, den Arabischen Emiraten oder dem Libanon. Die Spuren der Herkunft verlieren sich auf solchen Odysseen.
Laut PAC kauft die De-Beers-Gruppe im Bestreben, ihre Marktdominanz aufrechtzuerhalten, Diamanten «aus verschiedenen dubiosen Quellen». Global Witness schreibt, die Gruppe operiere «ohne grösseres Verantwortungsbewusstsein»; es stehe «ausser Zweifel, dass De Beers fortwährend angolanische Diamanten aufgekauft» habe. De Beers dagegen versichert, keine Diamanten aus Kriegsgebieten zu kaufen. Gegenüber der «Weltwoche» sagt De-Beers-Sprecherin Joan Braune, man habe «nie direkt mit der Unita gehandelt». Aus Sierra Leone hat sich De Beers bereits in den achtziger Jahren zurückgezogen, und auch liberianische Diamanten, sagt Braune, würden seit Jahren nicht mehr gekauft. Im jüngsten Geschäftsbericht findet sich jedoch eine Diamanthandelsgesellschaft namens Polestar Ltd., Tochter von De Beers in Liberia. Darauf angesprochen, weiss die Firmensprecherin vorerst keine Antwort, um schliesslich zu versichern, Polestar sei «nicht mehr operativ».
Mehr Chaos, mehr MachtKritisiert werden auch Belgien und der Hohe Diamantenrat (HRD), die Dachorganisation der Antwerpener Diamanthändler. Der Uno-Bericht spricht von «laxen Kontrollen» des HRD; Global Witness wirft der belgischen Regierung vor, sie «versäume es, ihren Verpflichtungen gegenüber den Vereinten Nationen nachzukommen». Die Einfuhrpapiere werden in Belgien vom HRD selber geprüft.
Durch die Berichte und Kampagnen ist einiges in Bewegung geraten. Diamanten, an denen Blut klebt: Diese Vorstellung bedroht das Image des edlen Steines. De Beers hat im vergangenen Jahr erstmals zugegeben, dass die Identifizierung von Rohdiamanten technisch machbar ist, und erklärt, sich für Kontrollen und schärfere Gesetze einsetzen zu wollen. Auch die belgische Regierung und der HRD haben Mitte Mai an einer Konferenz in Südafrika ihre Absicht zu strengeren Kontrollen kundgetan, nachdem sie vorerst jede Kritik von sich gewiesen hatten. Um die Herkunft der Steine bestimmen zu können, müssen nun Daten aus allen Minen gesammelt werden. Doch das ist kostspielig und setzt einen entsprechenden politischen Willen voraus.
Ralph Hazleton, Ko-Autor der PAC-Studie zu Sierra Leone, ist zuversichtlich, dass die Zusagen nicht blosse Lippenbekenntnisse sind. Als das grössere Problem sieht er so genannte Junior Companies, die ausserhalb der De-Beers-Kontrolle funktionieren. Namentlich nennt er drei solche Juniors in Kanada, die direkt mit sierra-leonischen Diamanten handeln – unter ihnen die Diamondworks, welche wiederum enge Beziehungen zur Söldnerfirma Sandline und zu Executive Outcomes unterhält.
Als wäre die Situation nicht schon kompliziert genug, erschweren juristische Faktoren Handelsbeschränkungen: Das Lomé-Friedensabkommen beteiligt die RUF-Rebellen an der sierra-leonischen Regierung; die nationale Bergbaukommission, die den Diamantenabbau und -handel kontrolliert, wird von Rebellenführer Sankoh präsidiert. Auch wenn die RUF bewiesen hat, dass das Abkommen für sie nur Makulatur ist: Solange die internationale Gemeinschaft am Abkommen festhält, ist ein Embargo gegen die RUF schwer begründbar.
Die RUF ist stark geworden im Krieg. Ihre Macht ist auf das Chaos angewiesen. Tausende Rebellen, darunter sehr viele Kinder, haben nichts gelernt als das Kriegshandwerk. Ziel der RUF ist es nicht, den Krieg zu gewinnen, sondern, ihn fortzusetzen. Das Gleiche gilt für Jonas Savimbi, den angeblich reichsten Mann Afrikas, und seine Unita in Angola; sowie zumindest teilweise für den Kongo. Friedensinitiativen, die davon ausgehen, dass jede Seite den Krieg beenden möchte, sind zum Scheitern verurteilt: Gescheitert ist der Versuch, die Unita an der angolanischen Regierung zu beteiligen (1994-1998); gescheitert ist der analoge Versuch in Sierra Leone.
Der sierra-leonische Bürgerkrieg kulminierte in einem Überfall auf Freetown im Januar 1999, als die RUF-Rebellen mordend, folternd und brandschatzend durch die Strassen der Hauptstadt zogen. Eine Wiederholung dieses Überfalls schien Anfang Mai bevorzustehen. Die Stationierung britischer Truppen hat die Gefahr zumindest vorläufig abgewendet. Ein militärisches Eingreifen von aussen war dringend nötig. Doch solange nicht ernsthaft versucht wird, den Handel mit Diamanten zu unterbinden, ist es wenig sinnvoll, Interventions-und Friedenstruppen nach Westafrika zu entsenden.
Marcel Hänggi