«Der kleine Bund» vom 22. September 2007
Die Templer sind unter unsIm Morgengrauen des 13. Oktobers öffneten Vertreter der königlichen Macht in ganz Frankreich Abschriften des selben Briefes. Der Brief war datiert vom 14. September, versiegelt und mit der Order versehen, das Siegel nicht vor besagtem 13. Oktober zu erbrechen. Er erhielt klare Befehle. In ganz Frankreich machten sich an diesem Morgen die Vertreter des Königs daran, Hunderte von Mitgliedern des Ordens der Tempelritter zu verhaften. Sie – Ritter, die den Türken die Stirn geboten hatten, militärische Grossmacht, Staat im Staat – liessen sich abführen ohne Widerstand. Es war die grösste Polizeiaktion, die die Welt je gesehen hatte.
Beginnen so Thriller? Beginnen so Verschwörungstheorien?
So begann die Zerschlagung einer der stolzesten und reichsten Organisationen ihrer Zeit, vor 700 Jahren, im Oktober 1307. Es folgte ein Schauprozess erster Güte. 36 Männer starben unter der Folter. Die meisten gestanden die ihnen zur Last gelegten Verbrechen; einige widerriefen das Geständnis, im Wissen, dass sie das auf den Scheiterhaufen bringen würde. 56 Templer wurden allein in Paris verbrannt, zuletzt im Jahr 1314 – der Prozess hatte sich in die Länge gezogen – Jakob von Molay, letzter Grossmeister des Ordens, und Gottfried von Charney, Meister der Normandie.
Damit ging die Geschichte der Tempelritter endgültig zu Ende, eines Ordens, der, dem Armutsgelübde verpflichtet, Reichtum und Macht erworben hatte; eines wichtigen militärischen Pfeilers der Kreuzzüge.
Endgültig? Kann eine solche Institution so sang- und klanglos untergehen?
Jener 13. Oktober vor 700 Jahren war auch der Kern einer jüngeren Geschichte. Einer Geschichte, die bis heute die Phantasien vieler anregt. Die bis heute massenweise Bücher hervorbringt, darunter Bestseller wie «Sakrileg» von Dan Brown (2003) oder «Das Foucaultsche Pendel» von Umberto Eco (1988). Einer Geschichte um Neotempler und Verschwörungsphantsien. Sie setzt im (mysterienverliebten) 18. Jahrhundert ein, als erste Gruppen beginnen, sich mit den Templern zu identifizieren. Oder doch zwei Tage vor dem 13. Oktober 1307, als ein ominöser Heuwagen Paris verlässt? Oder zur Zeit Jesu Christi? Oder in mythischen Urzeiten?
Verschwörer haben immer Recht
«Die Templer sind unter uns» (so ein Buchtitel). Sie sind untergetaucht, sie haben sich verhaften lassen, um der Welt vorzugaukeln, es gebe sie nicht mehr, und ergo müssen sie eine geheime Mission haben, die wichtig genug ist, dass 36 Männer sich zu Tode foltern und 56 sich verbrennen liessen, während zwei ihrer Brüder versteckt im Heuwagen die Mission weitertrugen. Die Mission muss die Weltherrschaft sein.
Meine Recherchen beginnen in einer kleinen Esoterikbuchhandlung. Ich suche Literatur über Bewegungen, die sich auf die Templer berufen. Es gibt sie zahlreich: Es gibt den Ordo Supremus Militaris Templi Hierosolymitani, gegründet 1853, in der Schweiz eingetragen im Genfer Handelsregister. Es gab im frühen 20. Jahrhundert den rassistisch-okkulten, «ariosophischen» Ordo Novi Templi. Die Sonnentempler erregten in den 1990er Jahren mit spektakulären Massenselbstmorden Aufsehen. Die Jugendorganisation der Freimaurer ist nach Jakob von Molay benannt.
«Neutempler?» fragte der Buchhändler in seinem von Duftlämpchenduft geschwängerten Laden. «Das gibt es nicht!» Er sagte nicht: Darüber weiss ich nichts. Er sagte: Das gibt es nicht.
Einige würden sagen, das beweise, dass der Buchhändler einer sei.
Wer waren die Templer – die historischen?
Undisziplinierter Haufen
Am Osterdienstag 1845, dem 30. März, kommt Knecht Stirnimann vom Löwen in Dagmersellen ins Wirtshaus in Langnau und teilt den Trinkenden mit, am nächsten Tag werde ein Zug von Reiden mit schwarzen Fahnen ins aargauische Zofingen ziehen, um dort mit den Freischaren zusammenzutreffen. (Schwarz ist, als luzernische Besonderheit, die Farbe der Liberalen, rot sind die Konservativen.) So beginnt am 31. März der zweite Freischarenzug mit dem Ziel, die «rote» Luzerner Regierung zu stürzen, die Jesuiten zu verjagen, die Gefangenen vom ersten Zug zu befreien und den politischen Flüchtlingen die Rückkehr zu ermöglichen.
Der erste Zug vom Dezember 1844 ist kläglich gescheitert. Jetzt will man besser vorbereitet sein. Der Berner Ulrich Ochsenbein - nachmaliger Bundesrat und Militärdepartementschef - führt die Operation an. Präsident des Kriegsrats ist der ehemalige liberale Regierungsrat Jakob Robert Steiger. Obwohl die gesamteidgenössische Tagsatzung bewaffnete Züge gegen Kantonsregierungen verurteilt hat, unternimmt der Aargau nur wenig, die Vorbereitungen zum Angriff auf seinen ungeliebten Nachbarn zu verhindern.
Avantgarden dringen am Abend des 30. März bis Dagmersellen und Altishofen im Luzerner Wiggertal vor. Am 31. März zieht ein Zug von dreitausend Bewaffneten gegen die Kantonshauptstadt. Ochsenbein rechnet damit, in der Stadt auf Unterstützung durch die mehrheitlich liberalen Bürger zu treffen. Doch nicht nur bleibt die Unterstützung aus: Die Freischärler sind undiszipliniert und unmotiviert, viele desertieren - wenn das kein zu grosses Wort ist: Sie kehren einfach wieder um. Ein verirrter Schuss um Mitternacht löst unter den vor den Stadtgrenzen lagernden Freischärlern Panik aus; noch vor dem Gegenangriff der Regierungstruppen ist die Sache entschieden.
Etwas über hundert Tote bleiben auf den Schlachtfeldern zurück, zweitausend Mann werden gefangen genommen. Das nach dem ersten Zug erlassene Freischarengesetz sähe für sie die Todesstrafe vor. Doch es ist der Regierung klar, dass sie nicht zweitausend Männer erschiessen lassen kann. Ausserdem braucht sie Geld. So lässt sie die ausserkantonalen Gefangenen - Ochsenbein unter ihnen - von ihren Kantonen freikaufen. Die Luzerner Bürger müssen in Gefangenschaft bleiben, bis ein Sondergericht sie verhört hat. Sie sollen täglich dreimal eine Suppe erhalten, die abwechselnd aus Hafermehl, geröstetem Mehl mit Erdäpfeln oder Reis gekocht wird. Jedem Gefangenen stehen pro Tag fünf Viertelpfund Brot zu; die wachhabende Mannschaft hat für frisches Trinkwasser zu sorgen. Wenn die Gefangenen spazieren geführt werden - zu ihrer Erholung oder zur Schaustellung -, erhalten sie von liberalen Bürgern heimlich Zigarren oder Esswaren zugesteckt. Weder dürfen die Gefangenen Briefe schreiben noch welche erhalten.
Das Sondergericht behandelt 706 Einzelfälle. Es spricht vier Todesstrafen aus; drei der Verurteilten werden begnadigt, der vierte, Steiger, wird befreit und flüchtet nach Zürich. Die meisten anderen werden zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, vom Kantonsrat aber kollektiv begnadigt; die Ausländer werden des Landes verwiesen. Die Forderung an die Verurteilten, solidarisch für den entstandenen Schaden zu haften, muss als unrealistisch aufgegeben werden.
Erfinder des Traveller-Checques1120 (vielleicht 1118 oder 1119), zur Zeit der Kreuzzüge, gründeten neun Männer in Jerusalem einen Orden mit dem Zweck, die Pilger im Heiligen Land zu beschützen. Sie gelobten Armut, Keuschheit und Gehorsam.
1095 hatte Papst Urban II. dazu aufgerufen, Jerusalem mit dem Schwert aus der Hand der Heiden zu befreien. Er traf einen Nerv der Zeit. Der erste Kreuzzug, – bestehend aus zwei Teilen, einer wilden, mordenden Volksmasse und einem Ritterheer – eroberte 1099 Jerusalem. Die Motivationen, zum Kreuzzug aufzurufen und aufzubrechen, waren vielfältig. Natürlich ging es um Macht, es ging um die Rivalität zwischen Papst und den weltlichen Herrschern, zwischen West- und Ostkirche, es ging um Eroberung. Es ging um Frömmigkeit und Sündenerlass. Es ging darum, Ritter loszuwerden, die als Briganten in Europa ihr wüstes Wesen trieben.
Ein Ritterorden war etwas Neues. Mönch und Ritter zugleich sollte ein Templer sein, zwei Dinge, die bis anhin nicht zusammengepasst hatten. Der heilige Bernhard von Clairvaux lieferte den Templern die Legitimation und untermauerte auch die Kreuzzüge ideologisch, indem er die alte Theorie des gerechten Kriegs weiter entwickelte. Der Papst anerkannte die Templer. Fortan unterstanden sie direkt ihm und waren keinem weltlichen Herrscher Rechenschaft schuldig. Die Templer blieben nicht der einzige Ritterorden; die bekanntesten neben ihnen waren der Johanniter- und der Deutsche Orden.
Die Templer gewannen rasch an Macht, und durch Schenkungen wurden sie reich. Sie befehligten Kreuzfahrerheere und errangen militärische Erfolge – oder auch nicht, hunderte Templerköpfe trugen die Seldschuken auf ihren Lanzen im Triumph davon. Sie hatten ihre Niederlassungen im Morgen- wie im Abendland, kämpften auch in Spanien und Portugal gegen die Muselmanen, mit denen sie gleichzeitig gute geschäftliche Beziehungen unterhielten. Und sie avancierten zum ersten globalisierten Finanzdienstleister, der angesichts unausgeglichener Handelsbilanzen zwischen Ost und West für die nötigen Geldflüsse sorgte, den Staatsschatz Frankreichs wie Englands verwaltete und den Traveller Checque erfand: Einzahlen bei einer westlichen Templerniederlassung, auslösen in Jerusalem (sofern man dort lebend ankam).
Welche Motive schliesslich zu ihrer Zerschlagung durch den französischen König Philipp IV. «den Schönen» führte, ist in der Wissenschaft umstritten. Sie waren zu mächtig geworden, ihr Reichtum weckte Begehrlichkeiten. Mit dem Fall der letzten Kreuzfahrerfestung im Jahr 1291 hatten die Templer ihre wichtigste Aufgabe verloren. Und weil sie direkt dem Papst unterstellt waren, waren sie dem König ein Dorn im Auge. Dieser desavouierte den Papst mit der Verhaftung. Er musste sich fügen und 1312 den Orden offiziell aufheben; wenig später geriet das Papsttum ganz in Abhängigkeit der französischen Krone und zog von Rom nach Avignon. Der französische Historiker Alain Demurger, Autor mehrerer Bücher über die Templer, sieht den Templerprozess im Zuge der Herausbildung des modernen Staats um 1300, eines Staats, der die gesamte Souveränität auf seinem Territorium beansprucht. Ritterorden hatten in diesem Staat keinen Platz.
Der moderne Staat, sagt Demurger, erlebt «ein mögliches
Endstadium» im totalitären Staat. Dieser wurde hier geprobt.
Gleich Stalin verfolgte Philipp mit dem Schauprozess besonders eifrige
Kämpfer für die Ideologie, die in Ungnade gefallen waren. Der
Prozess diente nicht dazu, die Wahrheit zu finden – die stand
fest –, sondern aus Anschuldigungen «Tatsachen» zu
machen. Man brachte die Angeklagten dazu, der Ideologie den letzten
Dienst zu erweisen, den sie ihr noch erweisen konnten: das
öffentliche Geständnis ihrer Sünden. Dass exzessiv
gefoltert wurde, war keineswegs einfach üblich im finsteren
Mittelalter. Ausserhalb Frankreichs wurden die Templer ebenfalls
verhaftet, aber kaum gefoltert. In England fanden die Inquisitoren
keinen Folterknecht, und so enstand die Idee, auf einer englischen
Besitzung auf dem Festland, die nicht der englischen Gesetzgebung
unterstand, foltern zu lassen – ein frühes Guantánamo.
Alles verweist auf alles
Wessen wurden sie beschuldigt? Ketzerei, Blasphemie, Habsucht, Beziehungen zu den Ungläubigen, satanische Rituale, Sodomie (das heisst Homosexualität). Waren die Beschuldigungen zutreffend? «Keine der Anklagen war falsch. Man findet leicht einen sodomitischen, einen geizigen, einen gewalttätigen Templer» (Demurger), und ihr Ruf war schlecht. Wie die Fremdenlegion zog der Orden Männer an, die Grund hatten, sich aus ihrem bisherigen Leben zu verabschieden. Aber darum ging es nicht.
Es ist bemerkenswert dass heutige Autoren esoterischer Templerbücher darauf verweisen, wie brutal die unschuldigen Templer verfolgt worden seien – und doch gleichzeitig meinen, dass die Anschuldigungen stimmten. Dass die Templer geheime Rituale pflegten. Dem ominösen Baphomet (eine Verballhornung von Mohammed?) huldigten. Ketzer waren. Denn kann der Templerorden gegründet worden sein, einzig um die Pilger zu beschützen? Sie mussten auf der Suche sein nach einem Geheimnis, das im Osten lag. Sie suchten die Bundeslade mit den Gesetzestafeln Mosis; sie fanden die apokryphen Evangelien; sie wussten, dass Jesus ein Verbrecher war; sie suchten den Gral und fanden ihn im Leib Mariä von Magdala, der Jesus ein Kind gezeugt hatte.
Meine Recherche ist ein Wuseln im Gestrüpp, ein Umherirren in der unübersichtlichen Welt eigenartiger Weltanschauungen; Klick um Klick trägt es mich von den Templern über die Illuminaten (eine Sekte, die ebenfalls zerschlagen wurde und ebenfalls weiterleben soll, gegründet 1776 wie die USA, auf deren Dollarnote ein okkultes Symbol prangt…) zu den Freimaurern und dann zu ihren Feinden, den Nazis; zu Ku Klux Klan und Skulls & Bones; von Gesichertem zu Haarsträubendem, Klick um Klick; seitenweise Diskussionen auf Wikipedia, mir wird schwindlig; der Gral, die Assassinen, der Baphomet; Zahlenmagie, die Grosse Muttergöttin; die Priorei von Zion, gegründet von einem Betrüger 1956 – oder doch eine Abteilung der Templer aus dem 12. Jahrhundert?
Klick um Klick, Assoziation um Assoziation, alles verweist auf alles, mein Buchhändler muss ein Templer sein. So funktioniert esoterisches Denken; so funktionieren Verschwörungstheorien.
Sehnsucht nach dem Rätselhaften
Der unterhaltsamste Templer-Roman stammt von Umberto Eco. In «Das Foucaultsche Pendel» machen sich drei Angestellte eines Verlags, der eine Esoterik-Reihe herausgibt, lustig über ihre Autoren, indem sie die Verschwörungstheorie, von der diese faseln – die templerische Weltverschwörung – kurzerhand erfinden. Wonach ihnen die Spinner die Erfindung glauben. Erklären nützt nichts: Du sagst, es sei nicht wahr, also ist es wahr. Einer der Protagonisten wird rituell hingerichtet.
Es ist kein Zufall, dass Eco, ein Zeichentheoretiker, sich diesem Thema widmet. Für Eco gibt es zwei Pole des Text- und Zeichenverständnisses: Der Fundamentalist kennt nur die eine richtige Interpretation eines Texts. Für den Esoteriker liegt die eigentliche Bedeutung immer hinter der manifesten; alles verweist auf etwas anderes, im Extremfall bedeutet alles alles, womit nichts mehr etwas bedeutet (was für Mystiker zur Erleuchtung führen kann).
Der Ich-Erzähler im «Foucaultschen Pendel» baut sich eine Kartei-Datenbank voller Querverweise auf, mit ihrer Hilfe konstruieren die drei Freunde den Verschwörungsplan. Die Datenbank ist ein Hypertext, und der grösste Hypertext ist das Internet. Querverweis zu Querverweis, Klick zu Klick, Assoziation zu Assoziation. Es ist kein Zufall, dass Verschwörungstheorien im Internet so schön gedeihen. Saint Graal, tönt das nicht wie sang réal, königliches Blut? Verehrten die Templer nicht die schwarze Madonna und ist diese nicht die Muttergöttin, Kybele, Isis, Ishtar? Starb nicht Philipp IV kurz nach Molays Hinrichtung und Papst Clemens ebenso? Ist nicht das Hakenkreuz ein indisches Symbol, und haben nicht die USA den Krieg gegen Irak am 20. März 2003 begonnen, 20.03.2003, 2003.2003, kann das Zufall sein?
Eine letzte Station meiner Recherchen: Ich suche in der Zürcher Zentralbibliothek Bücher über die Templer. Das meiste, was ich finde, trägt eine Signatur, die ausser Haus aufbewahrt wird, einsehbar nur unter Voranmeldung; eine Signatur, die mir noch nie begegnet ist. Kann das Zufall sein? Ist es nicht, aber die Erklärung ist banal: Die Bücher gehörten Oskar Schlag, der seine Bibliothek zu okkulten Themen der Zentralbibliothek vermachte, die aber nach wie vor in seiner Villa aufbewahrt wird. Schlag war Psychologe, Graphologe, Freimaurer; er empfing «höhere Botschaften». Seine Villa war ein Zentrum der Esoteriker; Eso-Guru Thorwald Dethlefsen ging bei ihm ein und aus. War Schlag auch Templer? Martin Frischknecht, Chefredaktor des Magazins «Spuren» und Beobachter der esoterischen Szene, sagt: «Es gab immer ein Gemunkel, dass es einen ‹noch innereren› Zirkel gebe, dem Schlag angehörte.»
Und Frischknecht sagt: «Die Faszination um die Templer hat mit der Sehnsucht nach dem Rätselhaften zu tun. Viele dieser Gruppen behaupten, sie seien im Besitz uralter Weisheiten. Aber sie sind von sehr romanhaften Vorstellungen beseelt.»
Marcel Hänggi