«WOZ Die Wochenzeitung» vom 21. September 2006
LANDWIRTSCHAFTSFORSCHUNG
«WOZ Die Wochenzeitung» vom 7. Oktober 2004
In Syrien versucht ein Internationales Forschungszentrum, die Lebensbedingungen von Menschen in Trockengebieten zu verbessern. Simple Methoden bringen meist mehr als Hightech.
Die TrockengärtnerInnen
Griechische Inschriften und Kreuzsymbole zieren die Fassade der
Gemeindeverwaltung von Chanasser im Norden Syriens und zeugen von der
einst byzantinischen Herrschaft über das Gebiet. Der heutige
Bürgermeister ist Tscherkesse. Flüchtlinge aus dem Kaukasus
erhielten vor hundert Jahren vom türkischen Sultan die
Bewilligung, in Syrien zu siedeln. Dreizehn Tscherkessen, so will es
die Sage, kamen nach Chanasser. Zwölf siedelten, der letzte aber
sagte voraus, dass das grüne Tal austrocknen werde.
Rund fünfzig Kilometer nordwestlich, unweit von Aleppo, befindet
sich das Hauptquartier des Internationalen Zentrums für
Landwirtschaftsforschung in Trockengebieten, Icarda (vgl. Kasten, Seite
33). Der sanfte Hügel mit den Büros, Laboratorien und
Kühlräumen ist umgeben von Feldern mit fruchtbarer, roter
Erde. Jetzt, am Ende des trockenen Sommers, ist nur wenig Grün zu
sehen. Auf einem Feld wächst Mais, das Feld ist in Sektoren
unterteilt, in denen die Pflanzen deutlich unterschiedlich hoch
wachsen. Sie erhalten genau abgemessene Mengen Wasser. Die AgronomInnen
des Icarda wollen hier das optimale Verhältnis von
Bewässerungsaufwand und Maisertrag bestimmen.
Ihre Erkenntnisse sollen nicht einfach in wissenschaftlichen Journalen
publiziert werden, sondern direkt den LandwirtInnen zugute kommen. Das
Chanassertal dient dem Icarda als Pilotgegend: Hier müssen sich
die von den WissenschaftlerInnen ausgetüftelten Methoden in der
Praxis bewähren. Denn der dreizehnte Tscherkesse hat Recht
bekommen. Zwar ist der Eingang des Tals üppig grün, da ein
weit verzweigtes System offener Kanäle, die von einem nahen Fluss
gespeist werden, die Sommerkulturen bewässert. In die höher
gelegenen Regionen des Tals aber reicht dieses System nicht. Jetzt,
gegen Ende der Trockenzeit, ist die dominante Farbe hier das Gelb der
Böden und der kuppelförmigen Lehmhütten. Genügten
einst vier bis fünf Meter tiefe Brunnen, um Grundwasser zu
schöpfen, so muss heute 25 bis 30 Meter tief gegraben werden. Der
Dschabbul-See ist zusammengeschrumpft; auf dem trockenen Seegrund
sammeln Menschen in Handarbeit Salz, um es zu verkaufen, und die
Schafherden wirbeln enorme Staubwolken auf. Zweihundert Millimeter
Niederschläge fallen pro Jahr - etwa ein Drittel dessen, was in
den trockensten Regionen der Schweiz fällt.
Antike Infrastruktur
Schallala Saghira, am Rande des Tals in der Höhe gelegen, hat
keine Brunnen. Dennoch fliesst ein Bächlein klaren Wassers in ein
Bassin, aus dem Gärten mit Feigenbäumen und Gemüse
bewässert werden. Das Dorf ist jung, das Bewässerungssystem
alt. Vor hundert Jahren, erzählt eine ältere Frau inmitten
einer Kinderschar, seien ihre Vorfahren aus Südsyrien in diese
Gegend gewandert. Ihr Grossvater habe den Ort gewählt, weil ihm
Gräser aufgefallen seien, die auf Wasser hinwiesen. Indem er den
Gräsern gefolgt sei, habe er den Kanal entdeckt.
«Römische Kanäle» heissen solche Wasserleitungen
im Norden Syriens. Der Kanal von Schallala Saghira, schätzt das
Icarda, ist 1500 Jahre alt, mindestens so alt wie die griechischen
Inschriften an der Fassade des Gemeindegebäudes von Chanasser.
Die Kanäle sammeln das wenige vorhandene Wasser in einer
grösseren Region und konzentrieren es auf einer kleinen
Fläche, und sie verhindern, dass die Niederschläge, wenn sie
denn einmal auftreten, ungenutzt abfliessen oder verdunsten. Das
gleiche Prinzip nutzt eine Olivenplantage im Chanassertal, ebenfalls am
Hang gelegen, die das Icarda angelegt hat. Talseitig werden die
Bäumchen von einem halbmondförmigen Erdwall umgeben. Statt
dass das Wasser nach einem Regenfall auf den harten Böden einfach
abfliesst, wird es hier zurückbehalten und kann langsam in den
Boden versickern - dort, wo der Baum seine Wurzeln hat.
Erfunden hat diese Art der Wassergewinnung nicht das Icarda: Hier
werden derartige Techniken lediglich gesammelt, wissenschaftlich
getestet, optimiert, geänderten Umständen angepasst. Wozu
aber müssen derart simple Methoden wissenschaftlich erforscht und
gefördert werden? Weshalb müssen Menschen mit einer Erfahrung
im Umgang mit Landwirtschaft in Trockenzonen, die viele Generationen
alt ist, in solchen Techniken unterrichtet werden?
Darauf gibt es mehrere Antworten. Einerseits wurde Wasserknappheit in
vielen Gebieten erst in jüngerer Zeit ein Problem - weil sich das
lokale Klima veränderte oder weil der Druck auf die
Wasservorräte stieg. Weltweit leben heute eine Milliarde Menschen
in Trockenzonen - 1970 waren es noch halb so viele. Siebzig Prozent
dieser Menschen haben weniger als zwei US-Dollar pro Tag zur
Verfügung.
Zweitens haben neue Möglichkeiten traditionelle Techniken
verdrängt. Die «grüne Revolution», die in den
sechziger Jahren die Landwirtschaftserträge vor allem in Asien hat
explodieren lassen, beruhte auf leistungsfähigeren Sorten,
intensiver Düngung und Bewässerung. Grundwasser mit Pumpen
aus dem Boden zu holen, ist weniger aufwendig als das Anlegen von
Terrassen oder Dämmen. Nur nachhaltig ist es nicht: In der Gegend
um Aleppo sinkt der Grundwasserspiegel um 1,5 bis 2 Meter pro Jahr.
Alte Ideen in neuen Schläuchen
Schliesslich können Techniken, die sich über Jahrhunderte bewährt haben, mit neuen Geräten und Materialien optimiert werden. Theib Oweis, der Icarda-Spezialist für Wassermanagement, hat eine grosse Zahl traditioneller Methoden zur Wassergewinnung dokumentiert. Viele sind arbeitsintensiv, die Arbeiten wurden in traditionellen Kulturen oft von Kindern ausgeführt - Schulbesuch lag da nicht drin. Mit neuen Techniken und dem Einsatz von Maschinen lassen sich heute Arbeiten, die früher Tage dauerten, in Stunden erledigen. Als Beispiel nennt Oweis die Tropfbewässerung: Das Prinzip sei schon in der Antike in der Negev-Wüste angewandt worden, indem man neben den Wurzeln der Bäume Tontöpfe eingegraben und mit Wasser gefüllt habe - das Wasser sickerte langsam durch den Ton hindurch. Dank Gummischläuchen lässt sich dasselbe heute viel einfacher erreichen.
Aber nicht nur neue Materialien führen zu Innovationen, sondern auch die Kombination unterschiedlicher alter Techniken. In einem leicht geneigten Gelände halten Rillen, die genau horizontal verlaufen, das Wasser zurück. Um diese Rillen besser anlegen zu können, übertrug Oweis eine ebenfalls jahrhundertealte Idee von der Bau- in die Landwirtschaft: kommunizierende Röhren. Werden zwei Röhren durch einen Schlauch verbunden und mit Wasser gefüllt, so ist der Wasserstand in beiden Röhren derselbe. Ausgerüstet mit solchen Röhren, erzählt Oweis, hätten ein pakistanischer Bauer und sein Sohn, von ihm instruiert, in einem Arbeitstag fünf Kilometer Konturrillen anlegen können.
Inschallah
Ein weiterer Schwerpunkt Oweis' ist die ergänzende
Bewässerung. Statt eine Kultur permanent zu bewässern, reicht
oft eine gezielte Bewässerung während einer kurzen Zeit, um
Pflanzen vor Trockenheitsstress zu schützen. Auf dem
Icarda-Gelände erzielte Oweis bei Niederschlägen von 234
Millimetern pro Jahr einen Weizenertrag von 0,75 Tonnen pro Hektare.
Gab er dem Weizen zusätzlich 183 Millimeter Wasser, erntete er 3,8
Tonnen - das Fünffache. Mit einer permanenten Bewässerung
wäre der Ertrag zwar noch höher gelegen - aber nur minim. Und
weil in diesen Gegenden nicht der Ertrag pro Hektar die relevante
Grösse ist, sondern der Ertrag pro verwendeter Wassermenge, ist
die permanente Bewässerung eben weniger effizient.
Weshalb die Bauern im Norden Syriens gewisse Methoden der Wassergewinnung anwenden, andere nicht, versucht Sven Defrijn, Student an der Universität Leuven (Belgien), herauszufinden. In einem Gebiet, in dem der Grundwasserspiegel zurückgeht, legen die Bauern keine Erdwälle an, die das Regenwasser zurückhalten und den Bedarf nach Bewässerung minimieren, mithin den Grundwasserspiegel schonen würden. Auf die Frage, weshalb, erhielt Defrjin eine unternehmerische Antwort: Der Aufwand zum Anlegen der Erdwälle übersteigt den dadurch erreichten Mehrertrag. Das ist zwar kurzfristig gedacht. Aber weil die Bauern kaum Aussichten hätten, an Kredite zu gelangen, dächten sie eben in kurzen Zeiträumen. «Fragt man die Bauern nach der Zukunft», sagt Defrjin, «heisst ihre Antwort: «Inschallah».»
Verschwendung ist Prestige
Nachhaltige Bewirtschaftung von Land sei oft mit erhöhtem
Aufwand verbunden, der beim einzelnen Bauern anfalle, ergänzt
Theib Oweis. Der Nutzen hingegen komme einer ganzen Gegend oder
künftigen Generationen zugute. Wieso sollte einer kein Grundwasser
pumpen, wenn es sein Nachbar doch tut? Hier seien politische Massnahmen
nötig, die LandwirtInnen für Leistungen entschädigen,
welche der Allgemeinheit zugute kommen. Wichtig sind auch
Besitzverhältnisse: Der Anreiz, einem Land Sorge zu tragen, das
einem gehört, ist höher, als wenn man dieses Land nur zur
Pacht hat. Mikrokredite und eine Stärkung der gesellschaftlichen
Strukturen schliesslich ermöglichen den Einsatz
kapitalintensiverer Methoden.
Doch auch al-Ahmeds Überzeugungskraft stösst an Grenzen. Der Besitzer des Hauses, in dem das Icarda-Lokalbüro eingemietet ist, pumpt das Wasser zur ständigen Bewässerung seiner Kulturen aus dem Boden. Al-Ahmed versuchte ihn zu überzeugen, zur viel effizienteren ergänzenden Bewässerung überzugehen. Dieser wehrte ab: Er besitze drei Brunnen. Und wenn diese versiegten, so habe er immer noch genug Geld, um Wasser von anderen Brunnenbesitzern einzukaufen. Bewässerte Kulturen bedeuten eben auch Prestige.
Biodiversität statt Gentechnik
Tatsächlich wachsen in den Hochsicherheitslabors bei Aleppo einige Pflanzen mit artfremden Genen. Zu Freisetzungsversuchen ist es aber bis heute nicht gekommen. Michael Baum, Molekularbiologe am Icarda, zweifelt auch, ob es jemals so weit kommen wird. In dieser Gegend, die die ursprüngliche Heimat vieler Nutzpflanzen darstelle und damit eine besonders grosse Variantenvielfalt besitze, müsse man sich besonders gut überlegen, ob man diese Vielfalt durch die Freisetzung transgener Pflanzen gefährden wolle. Ausserdem sei GVO-Forschung für ein Institut wie das Icarda viel zu teuer. Immerhin, sagt Baum, hätten die Agrofirmen ihr Verhalten in den letzten zwei, drei Jahren aufgrund des öffentlichen Drucks geändert; vereinzelt stellten sie heute Gene, auf die sie ein Patent hielten, den CGIAR-Zentren, zu denen das Icarda gehört, kostenlos zur Verfügung, und Syngenta sitze seit kurzem im CGIAR-Beirat.
Abgesehen von Kosten und Risiko ist aber auch fraglich, ob GVO einen geeigneten Ansatz darstellen, um für Trockenzonen besser geeignete Nutzpflanzen zu züchten. Amor Yahyaoui, Pflanzenpathologe und Gerstenspezialist, sagt, es sei wenig sinnvoll, nach artenfremden Genen Ausschau zu halten, solange die arteigenen genetischen Ressourcen noch so wenig bekannt seien.
Das Icarda setzt deshalb einen Schwerpunkt auf die Erforschung der biologischen Vielfalt der Nutzpflanzen. In der hauseigenen Genbank lagern 132 000 Proben vor allem von Gerste-, Weizen-, Fawa-, Linsen- und Kichererbsenvarietäten. Expeditionen in entlegene Weltgegenden suchen nach noch unbekannten oder vergessenen Sorten dieser Nutzpflanzen - bevor diese im Zuge der Intensivierung der Landwirtschaft ganz von Hochleistungsrassen verdrängt werden. Unter der Bedingung, dass die Resultate nicht patentiert werden, stellt das Icarda seine Proben Forschenden weltweit zur Verfügung.
Icarda
Mandatsgebiet der Icarda sind Zentral- und Westasien, Nordafrika und Teile Mittel- und Südamerikas. Seine Forschungsschwerpunkte sind der Schutz und die effiziente Nutzung von Wasserressourcen, Boden-Fruchtbarkeitsforschung, die Optimierung von Fruchtfolgen, integrierte Schädlingsbekämpfung sowie soziale, politische und ökonomische Faktoren der Landwirtschaft. Ein besonderes Augenmerk gilt Nutzpflanzen, die ihren Ursprung im «fruchtbaren Halbmond» haben, der sich von der Levante über die Südosttürkei ins Zweistromland zieht: Gerste, Weizen, Linsen, Fawabohnen und Kichererbsen. Schliesslich befasst sich das Icarda mit dem Wiederaufbau der Landwirtschaft in Irak und Afghanistan.
Finanziert wird das Icarda von internationalen Organisationen (Weltbank, Uno-Unterorganisationen) und staatlichen Entwicklungsagenturen. Die Schweiz rangiert unter den Geldgeberinnen auf Platz zwölf.
Marcel Hänggi