Fetisch darf
Gebote einer vernünftigen Verkehrserziehung: Lass dich nicht
verarschen! Spiele auf der Strasse – sei höflich, wenn ein
Auto kommt, und lass es vorbei – aber spiel zuerst dein Spiel zu
Ende! Lach den aus, der glaubt, sein Fortkommen sei wichtiger als dein
Spiel!
Natürlich geht vernünftige Verkehrserziehung nicht. Ein
Viertel der fünfjährigen Kinder in der Stadt und ein Drittel
auf dem Land dürfen nicht unbeaufsichtigt ins Freie – in
erster Linie, weil die Eltern den Strassenverkehr fürchten.
Realistische Verkehrserziehung: Pass auf! Kusche! Sei demütig!
Nichts beeinträchtigt die Lebensqualität (wo nicht Krieg,
Hunger oder Seuchen herrschen) mehr als der motorisierte
Individualverkehr. Wieso lassen wir uns das gefallen? Wie kann es sein,
dass bei hohen Ozonwerten empfohlen wird, mittags nicht ins Freie zu
gehen, während niemand dazu aufruft, nicht Auto zu fahren –
und uns das normal scheint?
Die nahe liegende These – fast jedeR ist gelegentlich selber
AutofahrerIn – greift zu kurz: Fliegen tut auch fast jedeR ab und
zu. Dennoch wehren sich die Leute gegen Fluglärm, nicht aber gegen
Autolärm.
Wir schlagen alternative Thesen vor. These eins: Auto ist Fetisch.
Auto ist Fetisch
Armin Steinmann ist Verkehrspsychologe, Sicherheitsbeauftragter der
Stadt Uster und Statthalter des Bezirks Horgen (SVP). Vor einiger Zeit
referierte Steinmann vor der Jungen FDP Meilen über Massnahmen zur
Temporeduktion wie Fahrbahnverengungen. Das JFDP-Blatt schrieb danach:
Sicher hülfen solche Massnahmen, tödliche Unfälle zu
vermeiden, aber es gebe auch mehr Kratzer an Rückspiegeln. Kratzer
gegen Menschenleben – Herr Steinmann, ist der Begriff
«Fetisch» geeignet zur Beschreibung unseres
Verhältnisses zum Auto? «Ja sicher. Sehen Sie nur, wie Autos
ausgestattet und geschmückt werden!»
«Fetischismus» ist, gemäss Duden, eine «sexuelle
Fehlhaltung, bei der Gegenstände ... als einzige oder bevorzugte
Objekte sexueller Erregung oder Befriedigung dienen».
Christoph Maria Merki ist Historiker am Liechtenstein-Institut und
Autor von «Der holprige Siegeszug des Automobils 1895-1930»
(Wien 2002). Herr Merki, ist das Auto ein Freiheitsfetisch?
«Selbstverständlich.»
Katharina Steffen ist Kulturanthropologin in Zürich und Autorin
von «Übergangsrituale in einer auto-mobilen
Gesellschaft» (Frankfurt am Main 1990). Ist das Auto ein Fetisch?
«Auf jeden Fall.»
Hannes Krall ist Pädagoge und Psychologe an der Universität
Klagenfurt und Autor von «Das Automobil oder «Die Rache des
kleinen Mannes» (Klagenfurt 1991). Krall sagt: «Der
Autofahrer erlebt das Auto als Teil seiner selbst.»
Im Dezember forderte der liberale Genfer Stadtpräsident Pierre
Muller, die Parkverbote in der Genfer Innenstadt weniger streng
durchzusetzen. These zwei: Autos dürfen mehr als Menschen.
Das hat damit zu tun, dass unsere Wahrnehmung gestört ist. Wir
erkennen den Autoterror nicht mehr als solchen. In Zürich ergab
2002 eine Umfrage, dass die meisten FussgängerInnen sich durch
Radfahrer stärker bedroht fühlen als durch Autos. Dies,
obwohl eindeutig am meisten Unfälle und Verkehrskonflikte von
Autos verursacht werden. Woher die Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und
Wirklichkeit?
Auto darf
Steinmann: «Jeder Verkehrsteilnehmer delegiert den Stress nach
unten. Das Auto bedrängt die Velos, diese weichen aus aufs
Trottoir, wo sie die Fussgänger bedrängen.» Krall:
«Wir werden erzogen, das Auto wie eine Naturgewalt zu sehen. Man
muss sich davor schützen, aber man kann nichts dagegen tun.»
Auto darf: Falschparken, mit fünfzig durch die Tempo-dreissig-Zone
rasen, am Steuer telefonieren gelten als Bagatelldelikte,
Verkehrsregeln als unverbindliche Empfehlungen. Die jüngste
«Raserdebatte» passt in dieses Bild. Merki: «Diese
Debatte ist eine Entlastungsstrategie der
«anständigen» Autofahrer. Man findet das in den
ACS-Zeitschriften, seit es diese gibt.» Steffen: «Es ist
ähnlich wie beim Rechtsextremismus: Nur wenige sind rechtsextrem,
aber sie finden mit einigen ihrer Ansichten Rückhalt in breiteren
Bevölkerungsschichten. «Rasen» tun nur wenige, zu
schnell fährt jeder ab und zu.»
Kapitulation
Die Akzeptanz des Autos war keineswegs immer gegeben. In
Graubünden waren Autos bis 1925 gar verboten. Historiker Merki
sagt: «Man sah die hohen sozialen Kosten: Lärm, Gestank,
Unfälle, Strassenverschleiss. Damals war das Auto ein Luxusgut.
Als die Autos immer billiger wurden, wurde das Auto nach dem Zweiten
Weltkrieg zum zentralen Wohlstandsversprechen. Die sozialen Kosten
verschwanden aus dem Blickfeld. Es gab aber auch weniger Unfälle
pro gefahrenen Kilometer: Die Autofahrer wurden sicherer dank der
Technik - Gurten, Airbags. Die Fussgänger wurden einfach von der
Strasse vertrieben.»
Man nennt das Kapitulation. Der Preis dafür ist hoch. Die
Zu-Fuss-Gehenden verschwinden aus dem Bewusstsein der Auto Fahrenden.
Steinmann: «Man hört nach Unfällen immer wieder die
Begründung: ‹Ich habe es nicht gesehen.› » Das
Gegenmittel? «Mischzonen schaffen und die Geschwindigkeiten der
unterschiedlichen Verkehrsteilnehmer einander angleichen», sagt
SVP-Mitglied Steinmann.
Tempo-dreissig-Zonen müssen die Behörden einrichten. Für
die einzelnen NichtautomobilistInnen gibt es nur eins:
Rückeroberung!
Marcel Hänggi